St. Gertrudisbote

75. Jahrgang

Juni 2020

 

Eindrücke aus Indien

 

 

Sommerzeit ist Reisezeit. Zumindest bei uns in Deutschland ist das so. Die strahlende Sonne und das warme Wetter locken hinaus in die Natur und an die Ufer des Meeres. In anderen Regionen der Erde gestaltet sich das freilich anders. Wer etwa den Süden Indiens in dieser Jahreszeit besuchen will, ist schlecht beraten. Denn da herrscht der Monsun. Unmengen von Wasser stürzen vom Himmel und in der feuchtwarmen Luft rinnt der Schweiß nur so aus den Poren. Deshalb unternahm eine kleine Gruppe aus dem Pfarrverband Ruhstorf, zu dem auch Tettenweis gehört, ihre Indienreise im Januar. Pater Clement, Kaplan in unserem Pfarrverband, zeigte uns seine Heimat.

 

Und in der Tat, diese Reise lohnte sich. Jeder Tag brachte eine Fülle neuer, ansprechender Eindrücke. Eine erste Wahrnehmung waren die vielen Menschen. Menschen, wohin man schaut! So hat z.B. der Bundesstaat Kerala, der etwas größer ist als Baden-Württemberg, mit ca. 35 Millionen mehr als die dreifache Zahl an Einwohnern. So überrascht es nicht, dass viele Arbeiten, für die bei uns Maschinen eingesetzt werden, durch Handarbeit vollbracht werden. An Arbeitskräften fehlt es nicht, und die Löhne sind niedrig.

 

Ein zweiter Eindruck, der sich bald einstellte, war die Freundlichkeit und Offenheit, mit der wir aufgenommen wurden. Besucher aus Europa sind in den meisten Teilen Indiens nicht häufig zu sehen, und so ergaben sich immer wieder herzliche, bewegende Begegnungen. Menschen kamen auf uns zu, wollten einige Worte wechseln, sich mit uns fotografieren lassen. Für alle Beteiligten unvergesslich ist die Begeisterung der Schülerinnen und Schüler einer Grundschule, die wir besuchten. Wir waren gekommen, um mit Hilfe von Spenden, die der Nikolaus gesammelt hatte, einen Brunnen bohren zu lassen. Die Aktion war erfolgreich, und die spontane Begeisterung der Kinder war einfach herzbewegend.

 

Für Europäer, die aus einer christlich geprägten aber inzwischen stark säkularisierten Welt kommen, ist sodann die religiöse Kultur Indiens von großem Interesse. Eine erste Wahrnehmung war, dass die verschiedenen Religionen, die in Südindien präsent sind, offenbar alle recht vital sind. Die Religion spielt im Leben der Menschen spürbar eine größere Rolle als im heutigen Europa. Die zahlreichen Tempel, Kirchen und Moscheen, die man sieht, präsentieren sich fast alle in einem hervorragenden Zustand, wirken wie frisch renoviert. Viele Hindus haben einen Farbtupfer auf der Stirn, ein Zeichen, dass sie heute schon im Tempel waren und dort den Segen des Priesters empfangen haben. Immer wieder sind wir durch Städte gefahren, die mit unzähligen Fahnen und aufwändigen Lichtinstallationen aufwändig geschmückt waren. Der Anlass dafür war jeweils ein religiöses Fest, sei es einer Gottheit der Hindus oder ein besonderer Tag im Kirchenjahr. Christliche Gemeinden oder Tempel künden dann auch auf Plakaten ihren Mitbürgern an, dass heute z.B. der Kirchweihtag ist oder das Geburtsfest einer Gottheit. Der religiöse Glaube wird unbefangen und offen gelebt. Und wenn in einem Gotteshaus ein Gottesdienst gefeiert wird, wird das ganz selbstverständlich mit Laut-sprechern nach draußen übertragen. Manchmal hört man die durchaus modern klingende Musik schon von weitem. Vor einer katholischen Kirche, in der wir Gottesdienst feierten, war eine große Krippenanlage aufgebaut. Sie stand über die ganze Weihnachtszeit an einer viel befahrenen Straße im Freien da, ohne dass man Beschädigungen irgendwelcher Art befürchten musste.

 

Dabei scheint das Miteinander der verschiedenen Religionen zumindest in Südindien gut zu gelingen. Kirchen, Tempel und Moscheen stehen oft in geringer Entfernung voneinander. Doch nicht nur das Nebeneinander verschiedener Weltreligionen ist für einen Besucher aus Europa überraschend. Auch die Christen selbst sind in ihren Traditionen vielfältig. Am bekanntesten sind die Thomaschristen. Nach indischer Tradition kam der Apostel Thomas im Jahr 52 n. Chr. in das Land und reiste der Malabarküste entlang in den Süden, wo er den Martertod erlitt. Historisch sicher ist jedenfalls, dass das Christentum schon sehr früh nach Indien kam, was durch den regen Seehandel mit Arabien begünstigt wurde. Auf diesem Weg entstand auch die Verbindung mit der ostsyrischen Kirche auf dem Gebiet des heutigen Irak. Ihr schlossen die Thomaschristen sich an. Eine neue Welle der Christianisierung brachte die Ankunft der Portugiesen im Jahr 1498. Durch sie kam die Lateinische Kirche nach Indien. Besonders der hl. Franz Xaver entfaltete eine erfolgreiche Missionstätigkeit und führte Zehntausende zur Taufe. In den ersten Jahrzehnten war das Verhältnis zwischen den Portugiesen und den Thomaschristen gut. Doch dann setzten massive Bemühungen ein, die orientalisch geprägten einheimischen Christen vollständig zu latinisieren und einer portugiesischen Hierarchie zu unterstellen. Die Folge war eine leidvolle Geschichte des Widerstands und der Spaltungen. Heute bestehen in Südindien drei katholische Kirchen nebeneinander: die Syro-malabarische und die Syro-malankarische Kirche, die beide auf die Thomaschristen zurückgehen, sowie die Lateinische Kirche. Ebenfalls auf die Thomaschristen geht die orthodoxe Syro-malankarische Kirche zurück. Seit dem 18. Jahrhundert kamen sodann englische und deutsche Missionare, die jeweils ihre Konfession mitbrachten, sodass es in Indien heute auch die ganze Bandbreite protestantischer Kirchen gibt: Anglikaner, Lutheraner und Freikirchen. Erfreulich ist, dass die verschiedenen Konfessionen heute ökumenisch offen sind und gut zusammenarbeiten. 

Südindien gehört nicht zu den klassischen Zielen europäischer Urlauber. Jedoch werden besonders die Küstengebiete gerne von indischen Touristen aufgesucht. Landschaftlich reizvoll ist in Kerala die Bergregion von Munnar, wo sich große Teeplantagen sanft über die Hügel ziehen. Einen Besuch wert sind so-dann die Backwaters: eine ausgedehnte Fluß- und Seenlandschaft, die hinter der Uferlinie zum Indischen Ozean liegt. Mit Hausbooten kann man die Gewässer befahren und entspannte Stunden verbringen.

Schließlich verdient die Ayoveda-Medizin Erwähnung, die inzwischen auch in Europa viele Freunde gefunden hat. In Kerala bieten viele Zentren preisgünstig ihr Können an.

Gewiss kann man in zwei Wochen nur einen oberflächlichen Eindruck von einem Land gewinnen. Indien ist ein Schwellenland, in dem sehr bescheidene Lebensverhältnisse und moderne Errungenschaften oft unvermittelt nebeneinander stehen. Doch im Ganzen waren alle Mitglieder unserer Reisegruppe von dem, was wir sehen und erleben konnten sehr angetan. Insbesondere die Freundlichkeit und Offenheit vieler Menschen wird uns in Erinnerung bleiben.

Aus unserer Chronik:

 

               

 

        Am 24.1. verstarb Schwester Bonaventuras Großneffe Ralf Bruckner im Universitätsklinikum Dresden im Alter von 45 Jahren. Tragischer Weise führte offenbar eine Fehldiagnose zu seinem frühen Tod – eine für die An-gehörigen schwer zu ertragende Situation! Wir versuchten sie im Gebet zu unterstützen.

 

        Das eigens für unsere alte Glocke geschaffene neue Türmchen wurde am 29.1. auf das vorhandene Turmdach aufgesetzt. Vielen ist nicht bewusst, dass die Abteikirche überhaupt einen Turm hat, denn er steht im Innenhof in der Ecke zwischen der Kirche und dem Gebäudetrakt, der parallel zur Straße verläuft. Nun aber hat, gut 70 Jahre später, endlich zusammengefunden, was zusammengehört, so empfinden wir es – und sind froh und dankbar dafür! Zu hören ist die Glocke freilich noch nicht, denn die Programmierung der Zeiten, zu denen sie läuten soll, steht noch aus.

 

        Im Alten- und Pflegeheim St. Elisabeth in Bad Griesbach wurde Herr Alois Andorfer am 2. Februar von Gott heimgerufen. Er stand im 85. Lebensjahr und hatte zuletzt unter Parkinson zu leiden. Von 1962 bis zu seiner Pensionierung 1999 war er Verwalter unserer Landwirtschaft und kam seinen vielfältigen und fordernden Aufgaben mit außergewöhnlichem Enga-gement nach. Das bleibt unvergessen! Am Requiem am 6.2. nahmen Mutter Bernarda und sechs Schwestern teil. R.i.p.!

 

        Nach mehr als 22 Jahren bei uns hier in Tettenweis, entschloss sich Frau Erika Wolowski in ihre alte Heimat, das Ruhrgebiet, zurückzukehren. Sie war tätig an unserer Pforte und in der Nudel-Produktion. Nebenher, und in den letzten Jahren dann ausschließlich, diente sie unserer Gemeinschaft ehrenamtlich als Fahrerin, die alle anfallenden Besorgungen machte und uns zu Arzt-Terminen und Ähnlichem fuhr. Am 6.2. rollte der Möbelwagen an, und wir verabschiedeten uns mit einem neunstimmigen, ganz kräftigen Vergelt’s Gott, wohl wissend, was wir ihr verdanken!

 

        Schwester Paula nahm von 13. bis 16.2. erneut an einem Kurs „Christliche Kontemplation“ bei Univ.-Prof. Dr. Schwienhorst-Schönberger im Haus spectrum kirche in Passau teil. Sie empfand dies wieder als sehr bereichernd und brachte wertvolle Anregungen und Impulse mit nach Hause.

 

        Am 3. März musste Schwester Andrea wegen akuter Beschwerden ins Krankenhaus Rotthalmünster. Dort konnte ihr nicht ohne Mühe geholfen werden. Aber am 16.3. durfte sie wieder heim. Wir hoffen gemeinsam, dass die Stabilisierung von Dauer ist.

 

        Am 22.3. starb in Hannover Herr Josef Böcker, Vater unserer Schwester Teresa. Er wurde 92 Jahre alt und lebte die letzten fast vier Jahre gemeinsam mit seiner Frau im Pflegeheim. Da das Personal rechtzeitig informiert hatte, konnte Schwester Teresa zwei Tage zuvor fahren und ihren Vater bis zum Tod begleiten. Ausgangsbeschränkungen und Besuchsverbote waren aufgrund der Corona-Krise bereits erlassen worden, doch in Anbetracht der Situation wurde ihr und ihrem Bruder und seiner Frau eine Ausnahme-Erlaubnis erteilt. Dafür waren sie sehr dankbar.

 

        Mit dem Stichwort ‘Corona-Krise‘ ist ein Begriff genannt, der nun schon seit Wochen die Medien und die Gespräche beherrscht. Manch einem mag es schon zu viel werden, informiert aber möchten wir alle sein. Und da bilden wir Schwestern keine Ausnahme. Denn zwei Drittel von uns gehören zur sogenannten Risiko-Gruppe, wenn nicht sogar – aufgrund von Vorerkrankungen – zu den hoch Gefährdeten. So mussten wir uns Gedanken machen, was an Regelungen auf uns zutrifft, und wie wir diese in unseren Alltag hier umsetzen können. In einem ersten Schritt zogen wir unsere Sitz-plätze in der Kapelle so weit auseinander, wie nur irgend möglich, um einen Mindestabstand beim Gottesdienst und beim Stundengebet von etwa 1,5 Metern zu erreichen. Das Weihwasser-Becken wurde trockengelegt und der Auszug aus der Kirche erfolgt nun nicht mehr paarweise, sondern schön im Gänse-Marsch! Als nächstes wurden die Tische im Refektorium so gestellt, dass sie einen größeren Block ergeben und wir jetzt auch hier weiter voneinander entfernt sitzen. Das Weiterreichen der Schüsseln beim Mittagessen wird dadurch natürlich nicht erleichtert, ganz im Gegenteil, es zwingt uns zu regelmäßiger Oberkörper-Gymnastik: Die Muskeln der Arme werden trainiert. Und in Sachen Rumpf-Beugen, nach links und nach rechts (um fehlende Armlängen auszugleichen), macht uns so schnell keiner mehr was vor! Der Aufzug darf nur noch einzeln benutzt werden, die Köchinnen bringen uns das Essen mit Mund-Nase-Schutz versehen. Und auch die Mitarbeiterinnen der Sozialstation, die bei der Pflege von Schwester Michaela und Schwester Lioba helfen, sind so (professionell) ausgestattet, wie es die Situation verlangt.

 

        Die Feier des österlichen Triduums war von alledem natürlich auch betroffen: Keine Fußwaschung, Kreuzverehrung nur mit einer tiefen Verneigung, kein Osterfeuer und keine Prozession, keine Wasserweihe. Und doch waren diese Mängel auch ein Gewinn, denn es gab weniger vorzubereiten und zu üben, sodass alles mit größerer Ruhe ablief. Ganz abgesehen davon, dass wir zu den Glücklichen gehören, zu denen noch ein Priester kommen darf. Denn Pater Augustinus lebt ja alleine im Pfarrhof an der Klosterstraße; er gehört sozusagen zu unserer Hausgemeinschaft. Frau Dehm, die uns jedes Jahr eine Osterkerze gestaltet und schenkt, ließ sich eine polizeiliche Erlaubnis geben und brachte uns die Kerze per Auto von Benediktbeuern aus bis an die Pforte – Übergabe kontaktlos!

 

        Schwester Michaela feierte am 15. April ihren 96. Geburtstag! Sie ist unsere Seniorin der Profess und dem Alter nach und hat in ihrem langen Leben schon mehr als die gegenwärtige Krise überstanden. Wir konnten ihr nach der heiligen Messe ein Ständchen im Türrahmen stehend singen, sie empfing zahlreiche Anrufe und bekam natürlich das gewünschte Eis. So war der Segen dieses Tages für sie wohl spürbar.

 

        Schließlich noch ein paar Worte zur Jahresversammlung unseres Herz-Jesu-Hilfsvereins e.V.: Sie fand 2019 nach alter Tradition am Sonntag nach dem Herz-Jesu-Fest statt, also am 30. Juni. Da die Sommer immer heißer (und wir immer älter) werden, fand der Vorschlag, den jährlichen Versammlungs-Termin in den Herbst hinein zu verlegen, spontan große Zustimmung. So setzten wir für dieses Jahr den 20. September fest. Ob das unter den gegebenen Umständen durchführbar ist, und wenn ja, wie, bleibt abzuwarten. Das werden wir Ihnen dann im nächsten Boten mitteilen. Jedenfalls hoffen wir bis dahin in unsere neuen Räumlichkeiten umgezogen zu sein!

 

 

 

Liebe Angehörige, liebe Vereinsmitglieder, Wohltäter und Freunde unserer Abtei, liebe Schwestern und Brüder,

 

An Silvester haben sich Viele gefragt: was wird dieses Jahr uns wohl bringen? Niemand hätte im Traum daran gedacht, dass ein Virus die Welt so zu erschüttern vermag. Keiner war in irgendeiner Weise darauf vorbereitet. Vieles ist dazu in den vergangenen Wochen geschrieben und gesprochen worden: Was will Gott uns damit sagen, was will Er mir sagen? Achtsamkeit prägt diese Zeit, Verbundenheit mit den Menschen um uns und weltweit. Verbundenheit mit allen, die leiden, die um ihre Existenz fürchten, Verbundenheit mit allen, die ihre Existenzgrundlage schon verloren haben. Verbundenheit mit allen, die Angst haben, die nicht mehr hoffen. Ver-bundenheit mit allen, die um einen lieben Menschen trauern. Diese Zeit der Unsicherheit fällt genau in die Fastenzeit und in die Osterzeit. Viele leiden darunter, dass gegenwärtig ihr Lebensradius so eng beschnitten ist. Die Sehnsucht nach Bewegung, nach Freiheit ist groß. Wir erfahren, dass solche „soziale Distanzierung“ fundamentale Werte unseres Menschseins berührt.

 

In diesen Wochen bereiten wir uns auf das Kommen des Heiligen Geistes vor. Er ist unser Helfer und Tröster. „Das Gebet ist die beste Weise in solchen Situationen etwas zur Sprache zu bringen. Die Pfingstsequenz finde ich deshalb so stark, weil sie die Wirklichkeit Gottes mit der Not des Menschen zusammenbringt“ (Barbara Hallensleben).

 

 

 

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen viel Kraft, Gottes Segen und die Freude des Heiligen Geistes!

 

 

 

                                Mit dankbaren herzlichen Grüßen,  

 

Ihre

 

 

(Äbtissin)