St. Gertrudisbote

74. Jahrgang

 

 

 

März 2019

 

 

 

                             

 

BIS ZUR VOLLENDUNG LIEBTE ER SIE

 

 

 

Haben Sie eine Lieblingsstelle in der Heiligen Schrift? Eine Erzählung, einen Psalm oder eine Verszeile, die sie über lange Zeit, vielleicht sogar über Jahre hin, begleitet, erfreut, herausfordert, umtreibt? Ein Wort Gottes, das Sie immer wieder neu und anders hören und um das sich im Laufe der Zeit neue Worte gruppieren?

 

Vermutlich tauchen nun vor unserem geistigen Auge bei uns allen nicht nur eine, sondern mehrere solcher Lieblingsstellen auf.

 

Vielleicht kommt jemandem folgender Bibelvers in den Sinn: „Da Er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte Er sie bis zur Vollendung“ (Joh 13,1). 

 

 

 

Diesem Wort bin ich eindringlich zum ersten Mal in unserem Refektorium begegnet. Den Schriftzug „In finem dilexit“ hatte Sr. Adelgundis auf ihrem Wandgemälde groß über das Kreuz gesetzt, fast an die Stelle, an der sich für gewöhnlich das INRI – „Jesus von Nazareth, König der Juden“ findet. Eine außergewöhnliche Kreuzesinschrift hatte sie da gewählt. Als junge Schwester saß ich am Noviziatstisch beim Essen „unter“ diesem Wort, und ich gestehe, dass ich nicht auf Anhieb wusste, wo ich es in der Bibel finden könnte. Doch noch bevor ich mich ernsthaft auf die Suche danach gemacht hatte, begegnete es mir im 13. Kapitel des Johannesevangeliums. Der Evangelist Johannes leitet damit den Höhepunkt seines Evangeliums ein. Liturgisch begegnet uns dieser Vers am Gründonnerstagabend zu Beginn der Heiligen drei Tage vom Leiden, vom Tod und von der Auferstehung des Herrn. Und er klingt an im vierten Hochgebet.

 

 

 

„In finem dilexit“ – „bis zur Vollendung liebte er sie“. Diese „Überschrift“ setzt Johannes über seine Darstellung von der Fußwaschung, über die Abschiedsreden und über Passion und Erhöhung Jesu am Kreuz. „In finem dilexit“ – das ist wirklich ein Satz, der einen packen kann, um einen nicht mehr loszulassen.  Ein Satz, den man tage- und wochenlang mit in den Alltag nehmen und betrachten kann, Wort für Wort.

 

 

 

„dilexit“ - er liebte sie

 

Hier beginnt der große „Theologos“, wie die Ostkirche Johannes nennt, seine ureigenste Passionsdeutung. Es ist kein blindes Schicksal, das Jesus in der Passion ereilt, kein Versehen eines unglücklich verlaufenden Prozesses, schon gar kein Racheakt einer göttlichen Strafgerechtigkeit, sondern Liebe. Das soll Liebe sein? Wir spüren, dass in dieser Deutung des Johannes etwas Großes, Kühnes, Göttliches auf uns zukommt: Am Kreuz zeigt sich die unendliche Liebe, Liebe des Vaters, Liebe des Sohnes, Liebe des Heiligen Geistes. Liebe des Vaters, der „die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird“ (Joh 3,16f.). Liebe des Sohnes, der die ganze Realität der Sünde auf sich prallen lässt und damit „zu Tode liebt“, und so den Vater der Liebe „verherrlicht“, der die „Seinen“ ebenso liebt wie den Sohn (Joh 17,1ff.; 17,23). Liebe des Heiligen Geistes, der das Band der Liebe zwischen Vater und Sohn ist - und das Band der Liebe zwischen dem dreifaltigen Gott und uns, gemäß Jesu Wunsch, dass „die Liebe [des Heiligen Geistes], mit der du [der Vater] mich [den Sohn] geliebt hast, in ihnen [in uns] ist und ich in ihnen bin“ (Joh 17,26).

 

Mit diesem Jesus, der „bis ans Ende liebt“ durch den Alltag zu gehen, belichtet meine Begegnungen mit Menschen und Situationen ganz neu. Was auch bedeutet, dass er mir meine Schattenseiten deutlicher aufweist. Die Wirkung des neuen Blickwinkels kommt für mich auch wunderbar zum Ausdruck in einem Wort des heiligen Augustinus: „Gott ist die Liebe, und er ist es in allem. Diese eine Wahrheit ganz geglaubt, vermag unser Leben umzuwandeln.“

 

 

 

„in“ – bis

 

Sogar das Wörtchen „bis“ ist des Nachdenkens wert. Es weist mir eine Richtung, zeitlich - „bis wann“ oder räumlich - „bis wohin“. Es lässt mich an einen Weg, an eine Bewegung, an eine Entwicklung denken. Gab es in der Liebe Jesu eine Entwicklung? Die Bibel zeigt uns den Menschgewordenen als Menschen unter Menschen, „in allem uns gleich außer der Sünde“ (vgl. 1Joh 3,5; viertes Hochgebet). „Sein Leben war das eines Menschen“ (Phil 2,7). So stand er auch unter dem Naturgesetz des Wachstums. „Jesus aber wuchs heran und seine Weisheit nahm zu und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen“ (Lk 2,52). Es gibt im Leben Jesu wie in jedem menschlichen Leben einen „Zuwachs“. Im Hebräerbrief heißt es sogar, dass er „gelernt“ hat im Leiden: „Obwohl er der Sohn war, hat er durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt“ (Hebr 5,8). Als „Gottesssohn“ hat er uns sicher immer ganz geliebt, aber als „Menschensohn“, kannte er wohl ein Wachstum im Erweis dieser Liebe.

 

So schenkt mir dieses kleine Wörtchen „bis“ die Ermutigung, mein Ungenügen nicht zu leugnen, und auf ein Wachstum der Liebe im Fortgang meines Lebensweges zu hoffen.

 

 

 

„finem“ – Ende

 

Auch das Wort „Ende“ regt zu vielfältigen Überlegungen an. Es kann eine örtliche Begrenzung aussagen: bis hierhin und nicht weiter. Es kann ein zeitliches Ende bezeichnen, gar das Lebensende. Auch ein Gipfelpunkt kann damit umschrieben werden. Was meint die Rede von der Liebe bis zum Ende?

 

Könnte es heißen, Jesus liebte „bis zum Schluss“? Augustinus äußert dazu: „Ich sehe, dass man diese Worte: "Er liebte sie bis zum Ende" auch auf rein menschliche Weise verstehen könnte, nämlich: Er liebte sie bis zum Tod. Doch das sei fern, dass er seine Liebe mit dem Tode aufhören ließe, er, der im Tod nicht sein Ende fand! Man könnte es höchstens so verstehen: Seine Liebe bewegte ihn dazu, den Tod auf sich zu nehmen.“

 

„Ende“ – in diesem Wort steckt auch die Bedeutung „Vollendung“. „Ende“ im Sinne von „Ausschöpfen aller Möglichkeiten“, so deutet Johannes Chrysostomos diese Stelle: „<Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.>  Das heißt: er ließ nichts ungetan, was einer, der sehr liebt, nur tun kann. Er tat das aber nicht gleich zu Beginn, sondern er steigerte den Erweis seiner Liebe, um die Vertrautheit mit ihm zu mehren und die Seinen mit großem Trost zu stärken, gegen die Dinge, die da kommen sollten. Die <Seinen> nennt er diese wegen der tiefen Vertrautheit  [- während auch andere <die Seinen> genannt werden, aber nur, weil sie ihm ihr Sein verdanken: "Die Seinen nahmen ihn nicht auf" (Joh 1,11) -].  <Den Seinen, die in der Welt waren> blieb er ohne Unterbrechung in Liebe zugetan, und zum Schluss zeigte er ihnen seine vollendete Freundschaft.“

 

Die Rede von der Vollendung findet ihren Höhepunkt im letzten Wort Jesu am Kreuz: „Es ist vollbracht!“, was man entsprechend übersetzen könnte: „Es ist vollendet!“

 

Der Sohn hat das Heilswerk des Vaters bis zur Vollendung ausgeführt und eine Erlösung bewirkt, „die für alle gedacht ist und für alle ausreichen wird“ (Adrienne von Speyr). Beinhaltet die Liebe bis zur Vollendung nicht auch eine „Erlösung für alle“? Das ist wieder so ein Gedanke, über den ich lange nachsinnen kann: Für jeden einzelnen Menschen ist die Erlösung bereits vollkommen erwirkt und geschehen. Ist sie nicht wie ein Geschenk, das bereit steht und das ich nur noch annehmen, auspacken und zu eigen nehmen muss? Kann der Mensch die „vollendete Liebe“ unwirksam machen, indem er sie in seiner Freiheit ablehnt? Wird es aber auch nur einen einzigen Menschen geben, der ernsthaft dieses Geschenkpaket ablehnen will, wenn er eine Ahnung von dessen „Inhalt“ und von seinem Geber erhält? Selbst wenn ihm diese Ahnung erst in seinem Tod aufgeht?

 

Welchen Anteil die Freiheit am Werk der Erlösung habe, diese Frage stellt sich einmal Edith Stein. Dazu allein die Freiheit in den Blick zu nehmen, reicht ihrer Meinung nach nicht aus, genauso wichtig sei es doch, zu prüfen, was die Gnade vermag. Gibt es für die Gnade eine absolute Grenze? Die Gnade ist im Grunde <das auf-den-Menschen-Zukommen Gottes> selbst. „Das sahen wir schon: die Gnade muss zum Menschen kommen. Von sich aus kann sie bestenfalls bis zum Tor kommen, aber niemals den Eintritt erzwingen. Und weiter: sie kann zum Menschen kommen ohne dass er die Gnade sucht, ohne dass er sie will. Die Frage ist, ob die Gnade ihr Werk vollenden kann ohne die Mitwirkung des Menschen. Es scheint uns, dass diese Frage verneint werden muss. Das ist ein schwerwiegendes Wort. Denn offenbar liegt darin inbegriffen, dass Gottes Freiheit, die wir Allmacht nennen, an der menschlichen Freiheit eine Grenze findet. Die Gnade ist der Geist Gottes, der sich zur Seele des Menschen herabsenkt. Sie kann darin keine Stätte finden, wenn sie nicht frei darin aufgenommen wird. Das ist eine harte Wahrheit. Sie besagt – außer der erwähnten Schranke der göttlichen Allmacht – die prinzipielle Möglichkeit eines Sichausschließens von der Erlösung und dem Reich der Gnade.“

 

Fortfahrend betont Edith Stein, dass sich damit zwar eine Grenze der Allmacht, aber nicht der Barmherzigkeit Gottes zeigt. Denn diese kennt keine Grenzen. „Die allerbarmende Liebe also kann sich zu jedem herabneigen. Wir glauben, dass sie es tut. Und nun sollte es Seelen geben, die sich ihr dauernd verschließen? Als prinzipielle Möglichkeit ist das nicht abzulehnen. Faktisch kann es unendlich unwahrscheinlich werden.“

 

Just an der Stelle, wo man an der Grenze zu stehen kommt, an welcher der göttliche Geber keinen Einlass findet, bringt Edith Stein das Bild vom „göttlichen Dieb“ ins Spiel. Wir kennen das Bildwort vom „Dieb“ aus der Offenbarung des Johannes (Offb 3,3; 16,15). Köstlich, wie Edith Stein den Akzent nicht auf das Überraschende oder Bedrohliche legt, sondern auf die „List“, mit der der Geber zum Dieb wird, um durch seinen „Einbruch“ sein Geschenk anzubringen.

 

„Die Gnade kann nur anklopfen, und es gibt Seelen, die sich ihr schon auf diesen leisen Ruf hin öffnen. Andere lassen ihn unbeachtet. Dann kann sie sich in die Seele einschleichen und sich mehr und mehr darin ausbreiten. Je größer der Raum ist, den sie so illegitimer Weise einnimmt, desto unwahrscheinlicher wird es, dass die Seele sich ihr verschließt. Sie sieht nun die Welt schon im Lichte der Gnade. Sie erblickt das Heilige, wo es ihr begegnet und fühlt sich davon angezogen.“

 

Der göttliche Eindringling versucht nun einen Austausch in Gang zu bringen, wobei „die Gnade dem, was vor ihr die Seele erfüllte, Boden abgewinnt“ und  „für dieses Verdrängen gibt es keine prinzipiellen Grenzen“. „Die menschliche Freiheit kann von der göttlichen nicht gebrochen und nicht ausgeschaltet, wohl aber gleichsam überlistet werden.“

 

 

 

„In finem dilexit“ – „bis zur Vollendung liebte er sie“. Wort für Wort eröffnet uns neue, spannende  Fragen und legt Spuren zu neuen, spannenden Antworten. Aber nicht nur das Denken, auch das Beten wird von einem solchen „mitgetragenen Wort“ befruchtet. Es nimmt die Form des Lobpreises an und des Dankes, der Fürbitte oder sogar des „Seufzens“. Es kann zur Betrachtung eines Rosenkranzgesätzes dienen oder als „Stoßgebet“. Mündet nicht letztlich jede Betrachtung von Gottes Wort ins Gebet? Und vom Gebet aus ins konkrete Leben?

 

 

 

Immer wieder habe ich von berührenden Erlebnissen mit Bibelworten gelesen oder gehört. Vermutlich könnten an dieser Stelle viele von Ihnen eigene Erfahrungen mit dem Wort Gottes beifügen. Vielleicht pflegen auch manche unter Ihnen den Brauch eines „Taufspruchs“ oder „Hochzeitsspruchs“. Ein Zeugnis davon, das mich sehr ansprach, las ich zufällig auf einer Internetseite (was ich hier hoffentlich wiedergeben darf): „Nie sollen Liebe und Treue dich verlassen; binde sie dir um den Hals, schreib sie auf die Tafel deines Herzens!“ (Spr 3,3).  Eine liebe Freundin hat die Lesung, in der dieser Spruch vorkommt, für meinen Mann und mich zur Hochzeit ausgesucht. Ich mag die Vorstellung, meine Liebe im Herzen zu hüten, sie aber nicht zu verbergen, sondern sie auch wie ein kostbares Schmuckstück sichtbar bei mir zu tragen. Mein Mann und ich beherzigen den Spruch seit über 27 Jahren.“

 

Eine Dame, die gern zu Gast bei uns war, erzählte mir einmal, ihre Gottesbeziehung drücke sich aus im Bildwort von den „Fittichen Gottes“: Du bist geborgen unter seinen Flügeln. Sie liebte die Psalmverse, in denen davon die Rede ist (s. Psalm 17,8: Birg mich im Schatten deiner Flügel; Ps 36,8; 57,2; 61,5; 63,8; Jes 40,31). Das Kirchenlied „Lobe den Herren“ sang sie besonders gern, denn da heißt es in der zweiten Strophe: „Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt. Hast du nicht diese verspüret?“ Sie trug dieses Wort mit sich und ließ sich von ihm tragen.

 

Welches ist momentan Ihr Wort Gottes, das Sie mit sich tragen und von dem Sie sich tragen lassen?

 

 

 

Sr. M. Veronika

 

 

Aus unserer Chronik:

 

 

 

Der Profess-Tag unserer Seniorin Schwester Michaela jährte sich am 27. Oktober zum 60. Mal! Dieses seltene Jubiläum konnten wir gemein-sam mit ihr am Christkönigssonntag nachfeiern. Denn da fühlte sie sich stark genug, einem ganzen Hochamt im Rollstuhl sitzend beizuwohnen. Die Profess-Schedula hatten wir ihr am Computer vorgeschrieben, aber sie konnte sie eigenhändig unterzeichnen. Ihr war bewusst, worum es an diesem herausragenden Tag ging! Die Freude mobilisierte so viele Kräfte in ihr, dass nachmittags sogar noch ein gemeinsames Eis-Essen im Refek-torium möglich war – sie hatte den Wunsch geäußert. Mit wenigen Aus-nahmen hält diese überraschend gute Verfassung bis heute an.

 

Am Abend des 19. November stürzte Schwester Lioba und brach sich das Becken. Nach vier Tagen im Krankenhaus Rotthalmünster wurde sie wieder entlassen. Seither hat sie sehr viel Disziplin, Fleiß und Energie aufgebracht, um in Punkto Mobilität wieder auf den Stand vor dem Sturz zu kommen. Das ist ihr mit Gottes Hilfe auch gelungen!

 

Von 22. auf 23.11. besuchten uns Mutter Elisabeth Kralemann OSB (Abtei Engelthal) und Pater Rhabanus Petri OSB (Priorat Jakobsberg), um zu sehen und zu hören, wie es uns in den letzten Monaten ergangen ist, wie wir uns in unserem „Übergangs-Quartier“ eingerichtet haben und in unmittelbarer Baustellen-Nachbarschaft zurecht kommen. Interesse und Hör-bereitschaft unserer geschätzten Gäste taten uns wohl.

 

Am 29.11. fand in Passau die jährliche Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft der Orden im Bistum statt. Bischof Stefan war zugegen und erzählte begeistert und begeisternd von der Jugendsynode in Rom. Das Erlebnis von Weltkirche und die Begegnungen seien höher zu bewerten als alle Abschlussdokumente, so habe es der Papst am Ende sinngemäß formuliert. Bei der fälligen Vorstandswahl wurde Schwester Veronika, die unsere Gemeinschaft vertrat, erstmals mit in dieses Gremium gewählt, dem auch Pater Augustinus (als 2. Vors.) angehört. Wir wünschen ihr Gottes Segen und gutes Gelingen für diesen wertvollen Dienst!

 

Am Vorabend des 1. Advent gab uns Mutter Bernarda als Leitwort in das neue Kirchenjahr einen Vers aus dem Buch Hosea mit: „Nehmt Neuland unter den Pflug! Es ist Zeit den Herrn zu suchen“ (Hos 10,12).

 

Am 4. Dezember versuchte Schwester Michaela im Rollstuhl aufzu-stehen, fiel und brach sich eine Rippe! Davon hat sie sich erstaunlich rasch erholt und ist längst wieder in der Lage, die Sonntagsmesse in unserer Saal-Kapelle mitzufeiern (an den Werktagen hört sie im Krankenzimmer mit).

 

Mutter Bernardas Weihetag feierten wir wie gewohnt am 3. Advent, am Gaudete-Sonntag. Nach einem kräftezehrenden Jahr mit Ausräumen und Umziehen innerhalb von viereinhalb Monaten, nach der Einge-wöhnung in unser Übergangs-Quartier und der Verabschiedung von Mitar-beiterinnen und Betrieben, war uns einmal nach ganz etwas anderem zumute. Und so haben wir uns gemeinsam (per DVD) in eine Aufführung der Augsburger Puppenkiste begeben: „Die Weihnachtsgeschichte“! In dieser bemerkenswerten Produktion sind Teile aus dem Matthäus- und dem Lukas-Evangelium mit ergänzenden und interpretierenden Szenen verbun-den worden. Und das in einer Weise, die nicht nur Kinder anspricht, sondern auch uns zu einem neuen Blick auf diese Ur-Geschichte unseres christlichen Glaubens verhilft. In ihrer Gratulations-Ansprache schlug Schwester Teresa die Brücke von der Predigt am Morgen dieses Tages hin zum Wesen der Weihe: So ernst solch eine Aussonderung für den Dienst am Heiligen, für den Heiligen zu nehmen ist, so sehr hat sie doch auch mit Freude zu tun. Denn: Die Freude kommt im Gefolge unserer Hingabe. Je mehr wir uns in Ihn hinein loslassen, desto offener sind wir für Seine Gaben … Und schließlich fehlte auch nicht unser Dank für Mutter Bernar-das Vorangehen im Prozess der Veränderung und für ihren unermüdlichen Einsatz für unsere Gemeinschaft!

 

Am 27.12. trat in der Abtei St. Walburg in Eichstätt Äbtissin M. Franziska Salesia Kloos zurück. Sie hat Gott und ihrer Gemeinschaft 34 Jahre lang in diesem Amt gedient und war auch unserem Haus stets freund-schaftlich verbunden. Am 4. Januar wählte der Konvent der drittältesten Abtei unserer Föderation Schwester Hildegard Dubnick. Die gebürtige U.S.-Amerikanerin stammt aus der Abtei St. Walburga in Virginia Dale (Colorado), einer Tochtergründung der Abtei in Eichstätt aus dem Jahr 1935. An der Weihe am 23. Februar nahm Mutter Bernarda gerne teil, und wir wünschen der neuen Äbtissin den Beistand des Heiligen Geistes!

 

Zur ersten Sitzung des AGOP-Vorstandes im neuen Jahr fuhren Schwester Veronika und Pater Augustinus am 7.1. nach Neustift. Unter Leitung von Schwester Gabriela Kren OSB wurde die Jahresplanung erstellt und eine erste Aufgabenverteilung vorgenommen.

 

Schwester Andrea und Schwester Bonaventura machten sich am 8.1. auf den Weg zu den Zisterzienserinnen nach Thyrnau, um am Requiem und an der Beisetzung von Schwester Michaela Schuster O.Cist. teilzunehmen. Sie ist am 4.1. im Alter von 79 Jahren nach schwerer Krankheit von Gott heimgerufen worden. Unsere beiden Mitschwestern waren jahrelang mit der kontaktfreudigen Schwester Michaela verbunden, die noch im Septem-ber kurz hier war. Als Paramentenmeisterin war sie auch vielen Priestern verbunden, was sich durch deren Anwesenheit beim Requiem zeigte.

 

Bruder Christian Schmidberger (Franziskaner-Minorit aus Maria Eck) hielt uns von 10. bis 15. Februar die Konvent-Exerzitien. Daran möchten wir Sie dann im nächsten Gertrudis-Boten teilnehmen lassen.

 

 

 

Liebe Leserinnen und Leser,

 

in den vergangenen Wochen und Monaten wurden uns immer wieder Fragen gestellt, die uns deutlich machten, dass für Außenstehende nicht leicht zu verstehen ist, was sich bei uns in jüngster Zeit alles verändert hat. Oder dass es uns bisher nicht gelungen ist, alles nachvollziehbar zu er-klären. Darum haben wir uns entschlossen, in dieser Ausgabe des Gertrudis-Boten, die noch genügend Platz lässt, auf die meist gestellten Fragen zu antworten. Wir hoffen, dass damit allen gedient ist!

 

 

Was tun sie eigentlich den ganzen Tag, wenn sie keine Betriebe mehr haben?

 

Unsere Betriebe waren wichtig für uns, sie haben zu ihrer Zeit ihren Zweck erfüllt: Waren und Dienstleistungen aus klösterlicher Produktion anbieten auf der einen Seite und zum Lebensunterhalt der Gemeinschaft beitragen auf der anderen Seite. Aber damit waren nie alle Schwestern beschäftigt. Es gibt einen gewissen Grundstock von Tätigkeiten, die zwingend zu einer Haushaltsführung dazugehören und bei denen seit September vergangenen Jahres keine Mitarbeiterinnen mehr helfen. Damit ist es bei uns nicht anders als in einer Familie: Die Kranken gut versorgen, Wäsche waschen, trocknen und zum Teil bügeln; das Frühstück und das Abendessen richten (Mittagessen bekommen wir aus der Großküche); den Tisch decken; das Geschirr spülen; die Zimmer, Gänge, WCs und Treppenhäuser putzen. Hin-zu kommt zu unserem Neun-Personen-Haushalt die so wichtige Arbeit in der Sakristei und die Pflege der Kapelle. Und ganz ohne Verwaltungsarbeit (Buchführung etc.) kommen wir auch jetzt nicht aus. Die Betreuung des Herz-Jesu-Hilfsvereins ist ebenfalls ein Fixpunkt! Zudem ist noch eine ganze Menge vom Aus- bzw. Umzug her nachzuarbeiten: Aus Zeitgründen haben wir vieles einfach in Kartons gepackt. Das ist nun zu sichten und zu sortieren: Behalten, abgeben oder entsorgen? Die schönen großen Wandbe-hänge von Schwester Adelgundis‘ Meisterhand zu reinigen ist auch keine Kleinigkeit. All diese Nacharbeiten kommen zu unseren Alltagsverrich-tungen hinzu. Dann dürfen wir daran erinnern, dass unser Tag ja auch nicht dem Acht-Stunden-Arbeitstag eines gewöhnlichen Arbeitnehmers ver-gleichbar ist. In unserer klösterlichen „Sonderwelt“ – wenn man es einmal so nennen will – leisten wir uns den Luxus, die besten Stunden des Tages dem Gottesdienst und dem Gebet zu widmen. Das beginnt am Morgen um halb sechs Uhr mit den Laudes, an die sich die Betrachtungszeit anschließt. Um sieben Uhr feiern wir mit Pater Augustinus die Eucharistie. Danach frühstücken wir und gehen an die Arbeit. Um halb zwölf Uhr beten wir ge-meinsam die Mittagshore und essen anschließend. Danach wird abgeräumt, das Geschirr gespült und die Mittagsruhe gehalten. Um zwei Uhr beginnt erneut die Arbeitszeit bis zur Vesper um fünf Uhr. Das Abendessen schließt sich an, danach ist Lesungszeit, dann (sonntags, dienstags, und donners-tags) Rekreation. Unser Tag endet mit dem Gebet von Komplet und Vigil, beginnend um viertel nach sieben Uhr. So kommen wir auf gut sechs Stunden Arbeitszeit. Erst wenn in dieser Zeit alles getan ist, was zu einem großen Haushalt dazugehört (wobei sechs von uns neun sich bereits im Rentenalter befinden!), dann wäre es möglich, auch noch andere Tätig-keiten anzugehen. Das haben Schwester Maria im Garten und Schwester Lioba in der Steppdeckennäherei bis vor wenigen Monaten getan. Lebten sie ein gewöhnliches bürgerliches Leben, wären sie beide schon längst in Rente. Bei uns gibt es diesen Einschnitt nicht. Jede tut was sie kann solange sie kann. Was aber der Gesetzgeber bei uns nicht veranlassen kann, das bewirkt die Natur: Die Körperkräfte lassen nach und ziehen die Gren-zen, in denen sich unser Leben vollzieht, von Jahr zu Jahr enger. So ver-hilft nun der Veränderungsprozess unseren beiden oben genannten Mit-schwestern dazu, ihren schwindenden Kräften Rechnung zu tragen und nach jahrzehntelangem intensivem Einsatz kürzer zu treten.

 

 

Wovon leben sie eigentlich, wenn sie keine Betriebe mehr haben?

 

Hier gilt ähnlich wie oben: Unsere Betriebe haben einen wertvollen Beitrag zum Lebensunterhalt der Gemeinschaft geleistet, aber sie waren nie unsere einzige Einnahmequelle. Ihre Erträge waren immer abhängig von der wirtschaftlichen Gesamtsituation und von Kompetenz, Qualifikation und Leistungsfähigkeit der in ihnen arbeitenden Schwestern und Mitarbeiterinnen. Dies hatten frühere Cellerarinnen schon im Blick und wirkten darauf hin, Einnahmequellen zu schaffen, die von Schwestern-Zahl und Leistungskraft unabhängig sind. So begann man etwa in den siebziger Jahren damit, freiwillige Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen. Dafür sind wir heute sehr dankbar und profitieren davon. Eine feste Größe sind sodann die Pachteinnahmen für unsere landwirtschaftlichen Grundstücke. Als wir 1999 aufhörten, die Landwirtschaft selber zu betreiben, blieben uns ja die Flächen. Auch konnten in den guten Jahren in gewissem Umfang Rücklagen gebildet werden, deren Erträge uns heute ebenfalls zugute kommen. Das Bistum wendet uns jährlich einen Betrag zu, ebenso zwei große Schwesterngemeinschaften und vor allem Sie, liebe Vereinsmit-glieder, Wohltäterinnen und Wohltäter, sind mit Ihren Spenden eine ganz große Hilfe! Damit ist dann eigentlich auch schon die dritte Frage beantwortet:

 

 

Brauchen sie eigentlich noch Unterstützung, oder zahlt jetzt alles die Hans Lindner Stiftung für sie?

 

Um es rundheraus zu sagen: Ja, wir brauchen Ihre Unterstützung noch und sind sehr dankbar dafür! Und: Nein, die Hans Lindner Stiftung zahlt jetzt nicht alles für uns. Vereinbart wurde: Für die Klosterimmobilie und das Grundstück, auf dem sie steht, leistet die Stiftung die Generalsanierung, den Umbau und alle weiteren Wartungs-, Pflege- und Instandhaltungskosten. Für den Bereich, den wir nach Fertigstellung der Arbeiten in Bau-abschnitt I beziehen werden (Kirchengebäude und zwei Etagen im Altbau), ist ein Nießbrauchrecht im Grundbuch eingetragen. Wir werden also keine Miete zahlen, wohl aber die Nebenkosten, als da sind Wasser, Kanal, Strom, Heizung und Müllabfuhr. Wir streben an, dass wir schon in diesem Jahr wieder zu einem ausgeglichenen Haushalt kommen (dass wir also nicht mehr ausgeben, als wir einnehmen). Das ist ja eines der Ziele, die wir mit unserem ganzen Veränderungsprozess erreichen wollten – neben der Entlastung von einem Übermaß an Arbeit, wie es das für uns zuletzt viel zu große Haus mit sich brachte. Und schließlich waren wir der Verantwortung als Eigentümer einer solchen Immobilie auch nicht mehr gewachsen. Und wenn jetzt jemanden noch die Frage umtreibt:

 

 

Wie geht es Ihnen direkt neben einer Großbaustelle?

 

Dann können wir ehrlich antworten: Gut! Denn so wissen wir wenigstens, dass sich etwas tut – und schließlich meinte schon eine Eichstätter Äbtissin im 19. Jahrhundert: „In einem gesunden Kloster darf der Bauschutt nicht fehlen!“ (M. Karolina Kroiß) Als wir diesen Satz in der Tischlesung hörten, musste wir doch alle schmunzeln. Es geht im Leben eben nichts ohne Veränderungen. Wie sagte unsere Seniorin Schwester Michaela neulich so schön, als sie zusammen mit Schwester Paula aus dem Fenster des Krankenzimmers das Kommen und Gehen am Rande der Baustelle beobachtet hatte und diese meinte, wir würden bald Fachleute: „Dann kann uns Herrn Lindner ja auch noch anstellen!“

 

 

 

Liebe Angehörige, liebe Vereinsmitglieder, Wohltäter und Freunde unserer Abtei, liebe Schwestern und Brüder,

 

„Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen; 

 

Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen;

 

Der Augenblick ist mein, und nehm´ ich den in acht,

 

so ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht“(Andreas Gryphius).

 

Im Lesejahr C hören wir vorwiegend Texte aus dem Lukasevangelium. An mehreren markanten Stellen steht das Wort Heute. Jesus will uns in un-serem Heute begegnen: in unserem Alltag, inmitten unserer Ängste  und Nöte, in unserem Glück und unserer Freude. Dieses Heute will uns durch unser Leben begleiten, so auch durch dieses Jahr, das wohl für Viele von uns kein leichtes sein wird. Ich wünsche Ihnen, dass Sie jeden Tag aus der Kraft dieses Heute leben können und aus dieser Kraft heraus auf Ostern zugehen.

 

 

 

                                Mit dankbaren herzlichen Grüßen, 

 

Ihre

 

M. Bernarda Schmidt OSB

 

Äbtissin