St. Gertrudisbote

73. Jahrgang

 

 

 

März 2018

 

 “Und plötzlich weißt du:

 

Es ist Zeit,

 

etwas Neues zu beginnen

 

und dem Zauber des

 

Anfangs zu vertrau’n.“

 

 

 

Meister Eckhart (um 1260  - 1327)

 

 

Aus unserer  C H R O N I K :

 

 

 

Im letzten Gertrudis-Boten konnten wir Ihnen nur noch kurz vom Heim-gang unserer Schwester Agnes berichten. Nun wollen wir damit fortfahren und ein ausführliches Lebensbild folgen lassen: Das Requiem für unsere liebe Schwester Agnes feierten wir am 25. Oktober, bevor wir dann ihre sterblichen Überreste auf unserem Klosterfriedhof beisetzten. In seiner Ansprache sagte Pater Augustinus:

 

Liebe Schwestern,

 

(liebe Freunde und Bekannte der Verstorbenen)!

 

In der Nacht vom vergangenen Freitag auf den Samstag hat der Herr des Lebens seinen Engel gesandt, um unsere liebe Sr. Agnes heimzuholen in die ewigen Wohnungen. Ich denke, dass schon dieser Zeitpunkt uns etwas über das Leben der Verstorbenen sagt. Der Freitag ‒ das ist der Tag des Leidens Christi, und auch Sr. Agnes musste über Jahrzehnte hin einen Leidensweg gehen. Das Kreuz war aufgerichtet in ihrem Leben in der Gestalt ver-schiedener Krankheiten, an denen sie bis zu ihrem Lebensende litt. Aber auch schon die schwierigen Lebensumstände in ihrer vom Krieg heimge-suchten Heimat Korea waren für das damals junge Mädchen und ihre Familie ein schweres Kreuz. Doch Sr. Agnes hat gegen diese Kreuze nicht rebelliert, sondern sie mit einer staunenswerten Geduld, ohne Klagen und ohne Verbitterung getragen. Dabei ist sie immer freundlich und hilfsbereit geblieben. Ich habe es etwa in der Sakristei immer wieder erlebt, wie sie aus einem Glaubensgeist heraus ihre Aufgabe wahrnahm, geduldig und pflichtbewusst. So scheint es mir kein Zufall zu sein, dass ihr Klostername Agnes an das lateinische agnus anklingt ‒ agnus Dei: das Lamm Gottes. Vermutlich hat Sr. Agnes nie darüber reflektiert oder gar große Programme aufgestellt. Aber durch die innere Haltung und Art, in der sie ihre Lebens-situation mit allen Einschränkungen und Leiden annahm, ist dieses Leben für sie in aller Stille zu einem Weg der Anähnlichung an Christus geworden. Ihm hat sie gedient, beginnend mir ihrer Arbeit in der Steppdecken-Näherei, in der Hostienbäckerei und später in der Sakristei. Geht es da um die Vorbereitung der heiligen Handlung, so ist ihr zugleich das innere Geheimnis der Eucharistie immer deutlicher geworden. Sie konnte das vielleicht nicht mit Worten ausdrücken. Aber ihre Haltung hat es gezeigt. Die Heilige Messe und das Rosenkranzgebet waren ihr bis in ihre letzten Lebenstage hinein ganz wichtig. Treu trug sie das Stundengebet unseres Klosters mit. Und auch an dem freiwilligen Schriftgespräch unseres Konventes nahm sie jedes Mal teil. In früheren Jahren klagte Sr. Agnes mir gegenüber oft, dass ihr die religiösen Grundlagen fehlen würden, sie hätte kein Glaubenswissen.

 

Ich denke, Gott selbst hat auf seine Weise diese Grundlagen gelegt. Er hat sie in einer Weise, die über begriffliches Begreifen hinausgeht, in der Tiefe ihres Herzens, immer tiefer hineingenommen in seine Liebe. Sr. Teresa hat den Lebensweg von Sr. Agnes auch in ihren jüngeren Jahren noch genauer erkundet. Ich möchte Sie jetzt bitten, uns das vorzutragen.

 

 

 

Wenn wir in dieser Stunde an Schwester Agnes zurückdenken, sind die Erinnerung wohl bunt wie das Herbstlaub, das in diesen Tagen von den Bäumen fällt: Alles kommt da vor: Von hellen bis zu dunklen Tönen.

 

Wir denken an Schwester Agnes‘ strahlendes Lächeln, an ihre asiatische Höflichkeit genauso wie an die Auswirkungen ihrer Krankheit in den letzten Jahren, an die Mühe mit der deutschen Sprache und die letzten Dienste in der Sakristei. Wir erinnern uns an eine junge, anmutige Koreanerin, die schon im Noviziat Augustinus und Johannes vom Kreuz las, die den Choral liebte, eine Zeit lang Kantorin war und viele Jahre als Hostienbäckerin für das Brot des Lebens sorgte. Wir wissen aber auch, dass sie immer wieder loslassen musste. Zuerst ihre Familie und ihre Heimat, dann andere, ihr nahestehende Menschen, auch Aufgaben im Kloster: die Mitarbeit in der Steppdecken-Näherei, die eigenständige Tätigkeit in der Hostienbäckerei und schließlich die Sorge für unser Refektorium.

 

Bis schließlich die letzten Wochen mit drei Krankenhausaufenthalten in Altötting und immer wieder aufflammenden Infekten ihr Leben ganz reduzierten und Gott sie rasch – und wie wir annehmen – schmerzlos zu sich in die ewige Anschauung Seiner Herrlichkeit rief.

 

Schwester Agnes‘ irdischer Lebensweg begann am 18. Februar 1943 in Jeonbuk (heute Jeonju) in Südkorea. Sie war das erste Kind der Eheleute Young Jo und Nam Sun Soung. Sie nannten ihre Tochter Jung Soon. Ihr folgten drei Brüder und eine Schwester. Der Vater arbeitete zuerst in einer Druckerei und war dann Taxi-Fahrer. Die Verhältnisse in der wachsenden Familie scheinen nicht sehr erfreulich gewesen zu sein. In dem Lebenslauf, dessen Entwurf der Steyler Missionar Pater Franz Eichinger verfasst hat, ist von drei „schweren Schlägen“ die Rede und davon, dass „ich (…) in dieser Lage nur unter großen Opfern die Mittelschule beenden“ konnte. Im Hintergrund stehen die Unruhen der Jahre 1950 – 62: Von 1950 – 53 tobte der Korea-Krieg, danach ging es trotz westlicher Entwicklungshilfe wirtschaftlich mit Südkorea kaum aufwärts. Als Land ohne größere Bodenschätze war Südkorea auf Importe angewiesen; auch waren die wenigen Industrieanlagen wie die gesamte Infrastruktur zerstört. Im Lebenslauf heißt es folgerichtig weiter: „Zuhause konnte ich nichts verdienen, kaum helfen, mußte aber doch essen.“ Und: „Unsere Lage war aussichtslos.“ So nutzte Schwester Agnes gerne die Gelegenheit, die sich ihr 1963 schließlich bot, um eine Ausbildung in Deutschland zu beginnen. Zuvor aber machte die Familie Sung einen Schritt, der für Schwester Agnes‘ ganzes weiteres Leben von entscheidender Bedeutung sein sollte: Die Konversion zum christlichen Glauben katholischer Konfession. Es war der aus dem schwäbischen Wertingen stammende Missionar Anton Trauner - seit 1958 in Südkorea seelsorglich tätig - der vermutlich die Sungs zum christlichen Glauben führte. Von ihm empfing Schwester Agnes am 10. August 1957 die Taufe und am 8. Juni 1958 die Firmung in der von Prälat Trauner gegründeten Pfarrei St. Martin. Aus Jung Soon wurde nun eine Luzia, eine Leuchtende, Strahlende, Lichtbringende. Zeitlebens hatte sie Freude an ihrem Taufnamen!

 

Die Familie lebte inzwischen in Pusan, heute Busan, wo Pater Trauner bis zu seinem Tod eine enorm segensreiche Tätigkeit entfaltete. Es berührt zu erfahren, dass Gott ihn genau eine Woche vor Schwester Agnes, am 14. Oktober im Alter von 95 zu sich gerufen hat.

 

Pater Franz Eichinger, ein zweiter Priester, der für Schwester Agnes‘ Leben von großer Bedeutung war, wirkte von 1940 bis 1953 als Steyler Missionar in China, und war nach seinen Jahren im  Ausland in der Betreuung asiatischer Studenten am Missionsseminar in Ingolstadt tätig. Er hat offenbar auch die Gruppe von 28 Koreanerinnen betreut, mit der Fräulein Luzia Sung 1963 nach Deutschland kam. Ob er die Ausbildungsplätze organisiert hat? Jedenfalls kümmerte er sich um Kontakte zu Gastfamilien, um Ausflüge, um Ferienprogramme.

 

So begann Luzia mit dem Schuljahr 1963/64 bei der Berufs-, Berufsfach- und Berufsaufbauschule des Kreises Meschede in Schmallenberg eine Lehre zur Strickeinrichterin. Sie selbst sprach von Strumpfstrickerin. In einem fremden Kulturkreis, in einem fremden Land mit einer fremden Sprache muss ihr das alles andere als leicht gefallen sein.

 

Davon zeugt indirekt auch der Brief ihrer „deutschen Mutter“, wie Luzia sie selber liebevoll nannte, Frau Roswitha Veidl aus Arnsberg. Die Familie hatte sich ihrer angenommen und war ausschlaggebend dafür, dass aus dem „traurigen, verschüchterten Geschöpf, das sie war, als wir sie kennen-lernten“, eine junge Frau wurde, die „aufgeblüht, sicherer im Auftreten und den Schwierigkeiten des Lebens in der Fremde mehr gewachsen“ war. Der Kontakt zu dieser guten Familie blieb bis weit in Schwester Agnes‘ Klosterleben hinein bestehen.

 

Im Rahmen eines von Pater Eichinger organisierten Ferienprogramms muss es gewesen sein, dass Luzia unser Kloster kennenlernte. Offenbar war es Liebe auf den ersten Blick, jedenfalls bat sie schon im August 1966 um Aufnahme, die ihr dann auch bereits am 5. Oktober gewährt wurde. Die Einkleidung, bei der Luzia den Namen Agnes erhielt, erfolgte am 2. Februar 1968, die zeitliche Profess am 2.2.1970 und schließlich die ewige Profess am 2.2.1973. Von da an ging sie ihren Weg der Nachfolge Christi in beharrlicher Treue. Wenn es anderen nicht gut ging, spürte sie das und versuchte zu helfen. Sie war sensibel und aufmerksam, führte keine Klage über ihr eigenes nicht leichtes Leben fern der alten Heimat, war gerne bei allen Gemeinschaftsveranstaltungen dabei und hatte auch Freude an Kontakten zu unseren Mitarbeiterinnen, besonders in der Spülküche, wo sie gerne beim Abtrocknen geholfen hat. Wo sie selber Hilfe brauchte, ant-wortete sie mit großer Dankbarkeit. Das Vergelt’s Gott kam ihr oft und ernst gemeint von den Lippen.

 

Ein vergilbter Ausschnitt mit einem kleinen Text von Eva von Tiele-Winckler fanden wir in ihrem Adress-Büchlein. Da heißt es:

 

 

 

                               Es kommt nicht darauf an,

 

                               glücklich zu sein,

 

                               sondern glücklich zu machen.

 

 

 

                               Es kommt nicht darauf an,

 

                               geliebt zu werden,

 

                               sondern zu lieben

 

                               und andern zum Segen zu sein.

 

 

 

                               Es kommt nicht darauf an,

 

                               sich selbst durchzusetzen,

 

                               sondern sich selbst zu verleugnen.

 

 

 

                                Es kommt nicht darauf an,

 

                                dass Gott unsern Willen tut,

 

                                sondern daß wir seinen Willen tun.

 

 

 

                                Es kommt nicht darauf an,

 

                                was die Menschen von uns

 

                                denken und sagen,

 

                                sondern was wir vor Gott sind.

 

 

 

Liebe Schwestern,

 

(liebe Freunde und Bekannte der Verstorbenen)!

 

 

 

In der Nacht vom vergangenen Freitag auf den Samstag ist unsere Sr. Agnes gestorben. Erinnert uns der Freitag an das Kreuz im Leben von Sr. Agnes, so kündet der Samstag die kommende Auferstehung. Requiem aeternam dona eis, Domine, so haben wir am Beginn dieses Gottesdienstes gesungen. Der Samstag steht für die Ruhe Gottes, der am siebten Tag von allen seinen Werken ruhte;er steht aber auch für die Grabesruhe Christi, der sein Werk am Kreuz vollbracht hat und nun der Auferstehung entgegen geht. Eben das erhoffen wir auch für unsere Schwester Agnes. Sie ist nun vom Leiden befreit und geht der vollendeten Schöpfung entgegen, wie sie uns die Offenbarung des Johannes schildert:

 

 

 

Er, der auf dem Thron saß, sprach:

 

Seht, ich mache alles neu. …

 

Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende.

 

Wer durstig ist, den werde ich umsonst aus der Quelle trinken lassen,

 

aus der das Wasser des Lebens strömt.

 

Wer siegt, wird dies als Anteil erhalten:

 

Ich werde sein Gott sein,

 

und er wird mein Sohn sein (21,5-7).

 

 

 

Dieser vollen Gemeinschaft mit Gott als seine Söhne und Töchter gehen auch wir entgegen. Möge das Beispiel von Sr. Agnes uns ermutigen, treu zu sein auf diesem Weg! Mögen wir sie einst wiedersehen!“

 

 

 

Die Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft der Orden im Bistum Passau fand am 23. November im Passauer Priesterseminar statt. Schwester Teresa vertrat unsere Gemeinschaft im Kreis von etwa zwanzig Anwesenden. Nach den üblichen Formalia wurde das Wort Frau Mag. Karin Roth aus Salzburg erteilt. Sie ist Supervisorin für den pastoral-strukturellen Erneuerungsprozess in unserem Bistum, stellte diesen vor und arbeitete heraus, was für eine Rolle uns Ordensleuten im Rahmen dieses Prozesses zukommen soll oder kann. Bischof Stefan war persönlich an-wesend, ebenso wie Ordensreferent Josef Fischer und Generalvikar Dr. Klaus Metzel. Und so konnten wir aus erster Hand bzw. berufenem Munde hören, was letztlich dahinter steht, was unseren Bischof bewegt und seine Vision von Kirche der Zukunft ausmacht. Als Mission und Auftrag sieht er: „In der Kirche von Passau sind wir eine frohe, einladende und solidarische Glaubensgemeinschaft, die aus der Eucharistie lebt. Wir bekennen, dass uns in Jesus Christus allein Gottes Heil geschenkt ist und erkennen daher drei große Herausforderungen für heute und morgen: Gott um seiner selbst willen zu lieben, Jüngerschaft zu leben und den missionarischen Einsatz zu praktizieren.“ Hieraus werden sechs Leitlinien abgeleitet. Im fünften ist von Klöstern als „kleineren Kirchorten“ im Kontext größerer pastoraler Räume die Rede. So sind wir also aufgefordert, nicht nur das eigene Charisma in Treue zu leben, sondern auch im Zusammenhang zu denken und zu handeln.

 

        Für das neue Kirchenjahr gab uns Mutter Bernarda am 1. Advent ein Leitwort aus dem zweiten Petrusbrief mit auf den Weg: „Achtet auf das Wort der Verheißung. Es ist ein Licht, das leuchtet am finsteren Ort, bis der Tag anbricht, und der Morgenstern aufleuchtet in euren Herzen“ (1 Petr 1,19). Seit alter Zeit wird der Morgenstern auch als Symbol für Christus gesehen, der uns als Herr und Erlöser aufgestrahlt ist. Wenn wir Ihn immer im Blick unseres Herzen behalten, werden wir auch im neuen Jahr die richtige Richtung nicht verlieren!

 

        Zu einer ersten Einstimmung auf Mutter Bernardas Jubiläum kam Pater Josef Weber SDB aus Benediktbeuern vom 2. auf den 3. Dezember zu uns. Er unterstützte unseren Einstieg in ein neues Kirchenjahr mit seiner Predigt im Gottesdienst und einem schönen adventlichen Vortrag.

 

Von 12. bis 16.12. musste Schwester Michaela im Krankenhaus wegen akuter Beschwerden behandelt werden. Ihr Gesundheitszustand stabilisierte sich nach ihrer Heimkehr überraschend schnell wieder. Leider kam es aber gleich nach Neujahr zu einem Sturz, bei dem sich unsere Seniorin den linken Oberschenkel brach. Diesmal dauerte der Kranken-haus-Aufenthalt etwas länger, und eine Anschluß-Heilbehandlung im Stift Rottal in Bad Griesbach nahmen wir dankbar an.

 

        Am 12.12. war es auch, dass wir mit einer tiefgreifenden und weit-reichenden Entscheidung hinsichtlich unserer Zukunft an die Öffentlich-keit traten. Es wäre angemessen gewesen, Sie, unsere treuen Vereins-mitglieder und langjährigen Leserinnen und Leser unseres St. Gertrudis-Boten zeitgleich zu informieren, doch sahen wir uns zu einer Sonderaus-gabe aus Zeit- und Kostengründen nicht in der Lage. Dafür bitten wir um Nachsicht und Verständnis! Nun aber zur Sache: Wie Sie alle wissen, geht es unserer Gemeinschaft – rein diesseitig betrachtet – nicht gut. Seit vielen Jahren befinden wir uns in einer personellen Abwärtsentwicklung: Sie lesen immer wieder Nachrufe, von Eintritten, Einkleidungen und Profess-Feiern aber ist schon lange nicht mehr die Rede. Das hat ein ganzes Bündel von Ursachen, dem wir an dieser Stelle nicht nachgehen können und wollen. Tatsache aber ist, dass wir seit Schwester Agnes‘ Heimgang nur noch zu neunt sind, dass unser Kloster eine Größe hat, die einmal bis zu neunzig Schwestern Lebensraum bot, dass wir Verantwortung tragen für vierzehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Haus, für zwölf Mit-arbeiterinnen und Mitarbeiter im Kindergarten und nicht zuletzt für das geistliche Gepräge dieses Ortes, für sein Erbe und für die Verwirklichung unseres Auftrags. Lange schon gehen wir mit dieser Problematik und mit allen aus ihr resultierenden Fragen um. Wir litten einmal mehr, einmal weniger darunter und taten uns lange sehr schwer, über all diese Dinge auch miteinander in ein gutes, angstfreies Gespräch zu kommen. Als ent-scheidende Hilfe und Schlüssel zu allen weiteren Schritten erwies sich – neben dem Gebet, das wir als einzelne und gemeinsam in diesen Anliegen verrichteten – die Visitation im März 2016. Von da an waren wir willens und in der Lage, unser Zukunftsproblem aktiv anzugehen. Darum gebührt auch an dieser Stelle Äbtissin Elisabeth Kralemann (Engelthal) und Pater Rhabanus Petri (St. Ottilien) einmal mehr ein ganz kräftiges Vergelt’s Gott! Sie haben zur rechten Zeit die richtigen Fragen gestellt, uns gefordert, gefördert, ermutigt und auch heilsam unter Druck gesetzt, und nicht zuletzt mit uns gebangt und gehofft. So folgte ein Prozess, der nicht nur in Sack-gassen führte, sondern schließlich mit Hilfe eines externen Beraters zu einem Kontakt, bei dem sich endlich die ersehnte offene Tür fand. Was daraus innerhalb von weniger als sechs Monaten geworden ist, liest sich in der Pressemitteilung vom 12.12. so:

 

„Kloster sucht die Symbiose – Abtei St. Gertrud in Partnerschaft mit Hans Lindner Stiftung

 

Die Gemeinde Tettenweis im Rottal besteht seit mehr als 800 Jahren. Seit fast 120 Jahren gibt es dort das Kloster St. Gertrud. Die Benediktinerinnen sind hier durch ihr ortsbeständiges Leben, das keine Versetzungen kennt, als selbstständige Klostergemeinschaft tief verwurzelt. In der Zeit des Wachstums und der Expansion des Klosters sind Gebäude und Betriebe entstanden, Arbeitsplätze und wirtschaftliche Verflechtungen. Bis zu 90 Schwestern lebten in Tettenweis. Bedingt durch die heute geringe Zahl von

 

Schwestern und aus dem Bedürfnis, dem Kloster eine gute Zukunft zu sichern, hat sich die Ordensgemeinschaft dazu entschlossen, sich dem vielfältigen Wandel durch konkrete Maßnahmen zu stellen. Aus diesem Grund haben sich die Schwestern vorgenommen, das Potenzial ihres Klosters in Zukunft in neuer Weise nutzbar zu machen. Die Äbtissin, Bernarda Schmidt, ist deshalb in Kontakt mit Hans Lindner aus Arnstorf getreten. Hans Lindner ist Vorstandsvorsitzender der Lindner Group, die weltweit erfolgreich im Bauwesen tätig ist. Dabei ist Hans Lindner stets in der niederbayerischen Heimat verwurzelt geblieben. Darüber hinaus tritt die gemeinnützige Hans Lindner Stiftung seit Jahren durch soziale Projekte wie das Parkwohnstift in Arnstorf, Programme zur Jugendförderung und vielem mehr in der Region in Erscheinung. Die geplanten Symbiose birgt folgende Chancen: Es gilt, die Situation der Schwestern so anzupassen, dass sie weiterhin die Treue zu ihrer Berufung fur die Kirche und für die Menschen im Bistum Passau verwirklichen können. Es gilt, in der Verantwortung gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine langfristige Perspektive zu bieten. Und schließlich gilt es, für die gesamte Klosterimmobilie dauerhaft eine angemessene Verwendung zu finden. Dank der unternehmerischen Kompetenz von Hans Lindner, seinen Möglichkeiten und seiner Bereitschaft zum Engagement konnte folgende Übereinkunft getroffen werden: Die Hans Lindner Stiftung übernimmt das Klosterareal, um dieses in eine Tagespflegeeinrichtung mit betreutem Wohnen namens „Zuhause gut betreut“ umzuwandeln. Ebenfalls soll der Kindergarten St. Gertrud unter neuer Trägerschaft als eine katholische Ein-richtung erhalten bleiben. Dadurch wird in St. Gertrud ein Mehr-generationenhaus entstehen, das die Kita und die Seniorenfürsorge unter einem Dach vereint. Durch die Investitionen werden Arbeitsplätze in Tettenweis gesichert und darüber hinaus neue Arbeitsplätze geschaffen. Eine Berufsfachschule als Zweigstelle von Arnstorf wird neue Möglich-keiten zur Berufsausbildung in Tettenweis bieten. Die lebendige Gemein-schaft der Benediktinerinnen bleibt dabei in ihrer Selbstständigkeit unbe-rührt. Vielmehr ist eine Zusammenarbeit der Abtei mit der weltlichen Stiftung geplant, die sich durch die geplante Mitarbeit und Seelsorge der Schwestern in den neuen Strukturen bereichert sieht. Die Produktion der beliebten Klosternudeln soll von der Lindner Land- und Forstwirtschaft GmbH & Co. KG fortgeführt werden. Äbtissin Bernarda Schmidt und Hans Lindner freuen sich, dass sich die Hans Lindner Stiftung auf solch umfassende Weise in Tettenweis engagieren wird. Sie sind uberzeugt, dass durch diese Maßnahme sowohl das Klosterleben gesichert als auch das Potenzial des Klosterssinnvoll zur Stärkung der regionalen Infrastruktur eingebracht werden kann, um damit den Menschen in Tettenweis einen nachhaltigen und zukunftsorientierten Dienst zu erweisen. Auch wenn die Immobilie des Klosters ein wertvolles Objekt darstellt, sollte nicht ver-gessen werden, dass der Leib Christi in diesen notwendigen Veränderungen keines seiner Glieder verliert. Ist die Kirche aus lebendigen Steinen erbaut (1 Petr 2,5), sind die Schwestern – nicht die Gebäude – die lebendige Kirche, die den Menschen erhalten und im Gebet verbunden bleiben.“

 

        Das heißt nun konkret, dass wir bis Ostern diesen Jahres das Kirchengebäude und den 70er Bau („St. Scholastika“) zu räumen haben. Nach deren Renovierung bzw. dem Umbau (Bauabschnitt I) werden wir Schwestern darin unsere neue Bleibe finden. Zwei Stockwerke des 70er-Baus werden unser Wohnbereich (Klausur), die Kirche nutzen wir wie bisher, mit der Möglichkeit, dass Gäste und zukünftige Bewohner des Stiftungs-Bereichs an den Gottesdiensten und Gebetszeiten teilnehmen können. Im Erdgeschoss des Kirchengebäudes (sog. Unterkirchen-Gang) werden Gästezimmer eingerichtet, sodass wir dann auch wieder Gäste aufnehmen können; die jetzige Unterkirche wird zu einem Multifunktions-Raum, für Exerzitien, Vorträge, Vereinsversammlung etc.

 

        Wenn wir in unseren neuen Eigen-Bereich eingezogen sind, beginnt der Umbau des Kloster-Altbaus und des 80er-Baus in Einheiten für Betreutes Wohnen und für die Tagespflege. Damit werden dann leider alle unsere klösterlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeitslos. Ihr lang-jähriger, treuer und engagierter Einsatz für unsere Gemeinschaft endet dann. Wir wissen, dass das für die Betroffenen nicht leicht ist, dass wir damit ein Kapitel in unserer gemeinsamen Geschichte schließen. Umso mehr freuen wir uns über Herrn Lindners Zusage, bei der Einstellung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für den Stiftungs-Bereich, alle unsere „Ehemaligen“ bevorzugt zu berücksichtigen.

 

        Die Veröffentlichung unserer Zukunftsentscheidung hat ein großes, mit wenigen Ausnahmen positives Echo ausgelöst: Von vielen wurden wir beglückwünscht zu diesem Schritt, viele zeigten sich erleichtert, dass wir diese Lösung gefunden haben, viele sagten, sie hätten sich schon lange ge-fragt, was aus uns einmal werden wird, und seien nun froh, dass wir nicht aus Tettenweis und aus unserem Kloster weggehen müssen. Die eine oder andere hat sich sogar schon für das Betreute Wohnen vormerken lassen! Alles in allem bestätigen uns die Reaktionen, dass dieser Schritt richtig ist, dass wir geführt wurden, dass sich das Entscheidende gefügt hat und wir also darauf vertrauen dürfen, dass es so vor Gott recht ist.

 

        Am Tag nach unserem „Outcoming“, wie man heute sagt, und noch ganz unter seinem Eindruck, feierten wir am 13.12. Mutter Bernardas 25. Weihetag. Ordensreferent Domkapitular Josef Fischer war als Haupt-zelebrant unserer Einladung gefolgt, Pater Augustinus und Pfarrer Josef Tiefenböck standen mit ihm am Altar. Mit ihnen dankten wir Gott für Mutter Bernardas Bereitschaft und beharrliche Treue im Amt fünfund-zwanzig lange Jahre hindurch! Im anschließenden Austausch erzählte uns Domkapitular Fischer viel Interessantes vom ‘Haus der Begegnung Heilig Geist‘ in Burghausen, dessen Direktor er ist. Am Nachmittag waren wir wieder unter uns und versammelten uns in der Unterkirche zu einer „geistlichen Stunde“. In der Atmosphäre des sakralen Raumes wurde von jeder Schwester ein Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium (Kap. 14 – 16) vorgetragen, abwechselnd mit kurzen Musik-Stücken, die Frau Eugénie Erner am Saxophon und Frau Anna Krompaß an Orgel bzw. E-Klavier spielten. Da Frau Erner uns schon vom „Geburtstags-Konzert“ anlässlich des 70. unserer Äbtissin her als ausgezeichnete Musikerin bekannt ist und Mutter Bernarda ihr Instrument, das Saxophon, sehr liebt, gelang es wie geplant, ihr damit eine angenehme Überraschung zu bereiten. Weniger angenehm war die Tatsache, dass ein technischer Defekt in der Zentrale zu immer wiederkehrenden kurzen Stromausfällen führte. Dieser „Disko-Effekt“ war absolut nicht geplant, ließ sich aber leider erst abends beheben. Immerhin war dank freundlicher Fügung bei jedem Stück mit E-Klavier Strom da!

 

        In der persönlichen Gratulation am nachfolgenden 3. Advents-Sonntag brachte Schwester Teresa nicht nur den Dank der Gemeinschaft an Mutter Bernarda zum Ausdruck, sondern auch unseren Wunsch nach der Gabe stiller, tiefer Freude, die aus der Gewissheit entspringt, dass Gott ein Gott mit uns ist, der Mensch geworden ist, um uns zu erlösen und die Verheißung der Ewigkeit zu schenken. ER und Seine Gaben überdauern alle Ab-, Um- und Aufbrüche …

 

        Dass am 30., 31. Januar 2018 Äbtissin Elisabeth Kralemann OSB aus Engelthal und Pater Rhabanus Petri OSB aus St. Ottilien wieder zu uns kommen konnten, freute uns sehr. Ihr ehrliches Interesse an uns und allem, was sich in den letzten Monaten bei uns getan hat, taten uns gut und ließen eine Atmosphäre entstehen, in der wir frei von jedem Entscheidungsdruck einfach mitteilen konnten, wie es uns geht, was wir erhoffen, wovor uns bange ist, worüber wir trauern und worauf wir uns freuen.

 

Liebe Angehörige, liebe Vereinsmitglieder, Wohltäter und Freunde unserer Abtei, liebe Schwestern und Brüder,

 

wie Sie gelesen haben, können wir, wenn alles klappt, in nicht allzu ferner Zukunft in unser neues „Klösterchen“ ziehen. Bei solch einem großen Projekt muss man lange und gründlich planen. Inzwischen ist das auf S. 10 Beschriebene schon wieder in Frage gestellt. „Der Einfachheit halber“ soll wohl doch die ganze Vierung komplett renoviert und neu gemacht werden, das heißt, dass wir mehr als das halbe Kloster ausräumen müssen – eine Herkulesaufgabe für uns. Von Vielem, was sich in fast 120 Jahren angesammelt hat, werden wir uns trennen müssen. – Es ist auch ein geistlicher Prozess für jede einzelne von uns. – Eine große Freude ist es, dass die Klosterkirche erhalten bleibt, der Gästechor wird zum Winterchor. Unsere alten Räume mit den schönen Holzdecken bleiben ebenfalls. – Leider wird unsere so sehr gefragte Steppdeckennäherei nicht über-nommen. Sie arbeitet noch voraussichtlich bis September. Trotz aller Weh-mut freuen wir uns, dass wir weiterhin hier wohnen bleiben können, dass wir als Gemeinschaft zusammen sein können, und vor allem freuen wir uns, dass uns durch diese Lösung viel Last abgenommen wird, die wir niemals mehr hätten tragen können.

 

Ich möchte Sie bitten, weiterhin mit uns und für uns zu beten, dass alles einen guten Abschluss findet. Ihnen eine gesegnete Fastenzeit und die Freude des Auferstandenen.

 

 

 

Mit dankbaren herzlichen Grüßen, 

 

 

 

Ihre

 

M. Bernarda Schmidt OSB

 

Äbtissin