Geschichte

Am 19. Oktober 1899 wagte die Abtei Frauenwörth eine Neugründung in Tettenweis. Sie sollte Teil der schon lange bestehenden, blühenden bayerischen Klosterlandschaft werden. Das neue Haus wurde unter das Patronat der Heiligen Gertrud von Helfta gestellt. Seither wird hier klösterliches Leben in Benediktinischer Tradition geführt.

Es mutet uns Heutigen schon beinahe legendär an, dass das ausgehende 19. Jahrhundert der europäischen Kirche einen so gewaltigen Zuwachs an Ordensberufen bescherte, dass zahllose neue Gemeinschaften ins Leben gerufen werden konnten, die nicht nur in der Heimat, sondern auch in den überseeischen Missionsgebieten mit großem Eifer ihr Leben für die Weitergabe des Glaubens einsetzten.
Auch die altehrwürdige Benediktinerinnenabtei Frauenwörth im Chiemsee, die zu jener Zeit noch - als Nachwehe der Säkularisation - den Status eines Priorates innehatte, konnte im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts den Zustrom von Postulantinnen räumlich nicht mehr fassen und entschloss sich zu einer Neugründung, die der heiligen Gertrud der Großen von Helfta geweiht sein sollte. Frau Priorin Lioba von Hörmann (1889 - 1899) sondierte die zahlreichen Angebote aus verschiedenen bayerischen Diözesen (Augsburg, Niederaltaich, Schlehdorf, Öttingen, Ensdorf, Bamberg), um schließlich im Januar 1899 Verhandlungen mit Graf Max von Löwenstein über sein Schlossgut in Tettenweis aufzunehmen; sie starb jedoch am 10. Februar 1899. Ihre Nachfolgerin, Frau Priorin Caecilia Trischberger (1899 - 1913), die spätere 1. Äbtissin nach der Säkularisation, trieb das Gründungsprojekt tatkräftig voran und schloss im August 1899 den Kaufvertrag um 45.000,- Mark ab. Damit hatte sie das ehemalige Joner-Schloß, ein Nebengebäude, einen bewohnbaren Verbindungsgang zwischen den beiden Gebäuden und ca. 11 ha landwirtschaftliche Nutzfläche erworben, die allerdings längerfristig verpachtet war. Vom Ordinariat in Freising wurde Klausurdispens für 10 Chorfrauen und 4 Laienschwestern erteilt und von staatlicher Seite die Genehmigung für den Aufenthalt von 14 Chiemsee-Professen in Tettenweis. Bruder Clemens Kleiner OSB, ein erfahrener Baumeister aus der Abtei Emaus in Prag, besichtigte das Anwesen in Tettenweis, arbeitete Pläne für die Adaptionsarbeiten aus und beschaffte während des Sommers noch alles für ein Klausurkloster unbedingt Notwendige. So verließ am 16. Oktober 1899 Frau Priorin M. Bernarda Amtmann mit zwei Chorfrauen und einer Laienschwester Frauenwörth, um in Tettenweis letzte Hand anzulegen und sich bei Bischof Michael von Rampf in Passau vorzustellen. Ihnen folgten am 19. Oktober neun weitere Schwestern, die Älteste von ihnen 53, die Jüngste 26 Jahre alt.
Sie trafen sich in Pocking und fuhren von dort mit Pferdewagen nach Tettenweis, wo schon die erste Postulantin auf sie wartete. Unter Glockengeläut wurden sie vom Passauer Domprobst Johann Baptist Röhm, vom Tettenweiser Pfarrer und Cooperator, vom Bürgermeister und Gemeinderat vor der Pfarrkirche willkommengeheißen und in feierlicher Prozession, angeführt von der Tettenweiser Schuljugend, zum Kloster geleitet, wo sich alsbald die Pforten hinter ihnen schlossen. Mit der Vesper in der Kapelle (der heutigen Bibliothek) nahmen sie noch am selben Nachmittag ihren "heiligen Dienst" (servitium sanctum, RB 5,3) vor Gott auf.
So erlebte die Diözese Passau am Schluss des Jahrhunderts die Rückkehr von Benediktinerinnen, die Anfang des Jahrhunderts unter dem Zwang der Säkularisation aus der Diözese - vom Kloster Niedernburg in Passau - vertrieben worden waren.
Unter welch harten und armseligen Bedingungen unsere Gründerinnen, die teilweise aus sehr vermögenden Familien stammten und erst wenige Jahre in Frauenwörth gelebt hatten, sich hier zurechtfinden mussten, vermögen wir heute kaum noch nachzuvollziehen: Spartanische Einrichtung, mangelnde Vorräte - ein ungeheuer mühsamer Anfang. Doch trotz der eigenen Armut teilten die Gründerinnen bereitwillig an Bedürftige aus, die schon nach kurzer Zeit an der Klosterpforte erschienen.
In geistlichen Belangen tat man sich zunächst ebenso wenig leicht; die Chronistin bemerkt eigens, dass die erste gesungene Vesper am Vorabend von Allerheiligen 1899 "ohne störende Fehler" bewältigt wurde! Bis zum Jahr 1915 versahen nacheinander vier Weltpriester den Dienst des Beichtvaters (Spirituals) der jungen Gemeinschaft; dann konnte ihn zum ersten Mal ein Mitbruder aus der Abtei Beuron übernehmen: P. Alphons Neugart OSB.
Die würdige Verrichtung des Chorgebetes war das besondere Anliegen Mutter Bernardas. Sie achtete darauf, dass alle Nonnen des Lateinischen mächtig waren, damit bei der Feier des Offiziums Herz und Stimme wirklich zum Lob Gottes zusammenklingen konnten, wie es dem Ideal der Regel entspricht. Alljährlich gewann sie gute benediktinische Exerzitienmeister aus Beuron oder Seckau, die auch fähig waren, den Konvent im Choralgesang zu schulen.
In ihrer Armut und Einfachheit ging von der jungen Gemeinschaft eine so starke Anziehungskraft aus, dass schon am 31.10.1899 die erste Postulantin aufgenommen werden konnte, der im Jahr 1900 sechs weitere folgten. Bis zum 1. Weltkrieg riss der Zustrom nicht mehr ab, wenn auch nicht alle diese jungen Frauen in gleicher Weise geeignet waren für ein Leben in strenger Klausur und eine große Zahl wieder entlassen werden musste.
Mit der Zeit stellte sich heraus, dass auch nicht alle Gründerinnen den Tettenweiser Verhältnissen gewachsen waren. Schweren Herzens ließ man daher in den Jahren 1900/1 vier Mitschwestern wieder nach Frauenwörth zurück kehren.
Weil das Joner-Schloß nur für wenige Bewohnerrinnen ausreichte, begann man im Juli 1900 mit den Vorbereitungen für einen Neubau. Schon im September 1900 legte der Münchener Architekt Rieperdinger Planskizzen für ein komplettes Monasterium nach Art der alten romanischen Klosterbauten von Cluny und Hirsau vor: Mittelpunkt des Baues bildete der Kreuzgang, um den sich zu ebener Erde die Gemeinschaftsräume gruppierten: an der einen Seite die Kirche, ihr gegenüber das Refektorium, um die Entsprechung von geistlichem und irdischem Mahl zum Ausdruck zu bringen. Auch der Kapitelsaal lag gewöhnlich am Kreuzgang. Im 1. Stock über den Gemeinschaftsräumen befanden sich die großen Dormitorien, von denen im 22. Kapitel der Regel Benedikts die Rede ist. Der Kreuzgang selber war der Aufenthaltsraum für Lesung, Meditation, Kontemplation. Solche Gedanken beseelten Mutter Bernarda Amtmann, und immer stand der Bau einer Kirche im Mittelpunkt ihrer Überlegungen.
Nach der Überwindung vieler Hindernisse brachte schließlich das Jahr 1902, das 600. Todesjahr der großen heiligen Gertrud, am 25. Februar den offiziellen Baubeginn. Mitten hinein in das rege Schaffen ging am 4. Mai die langersehnte Selbständigkeitserklärung des Klosters ein. Dieses Dokument war das feste Fundament, auf dem St. Gertrud nun aufgebaut werden konnte, und es wurde voll Dankbarkeit mit einem feierlichen Te Deum aufgenommen.
Vom 20. Juli 1903 an wurde das neue Haus systematisch besiedelt, so dass die Schulräume endlich hergerichtet und am 14. September die Klosterschule feierlich eröffnet werden konnte, für 143 Kinder und 61 Feiertagsschülerinnen.
An allem Schweren dieser Anfangsjahre war die junge Gemeinschaft, die nun schon an die 30 Mitglieder zählte, so fest zusammengewachsen, dass die Chronistin im Anschluss an die Visitation vermerkt: "Es hat den hohen Herrn sicher gefreut, dass wir alle so einmütig zusammenhalten ... und gern zu jedem Opfer bereit sind."
Doch der äußere Aufbau war damit keineswegs beendet. Garten und Landwirtschaft gediehen von Jahr zu Jahr besser. 1905 wurde zum ersten Mal ein Ökonomie-Baumeister, 1906 ein Gärtner angestellt. Der kleine, dunstige Stall im Nebengebäude des Joner-Schlosses genügte dem allmählich auch gewachsenen Viehbestand ( 2 Ochsen, 5 Kühe, 1 Kalb, 5 Schweine) nicht mehr; ein eigener Ökonomiebau war dringend notwendig und wurde im Frühjahr und Sommer 1907 an der Stelle der heutigen Gebäude errichtet. Am 24. Juli fand der Umzug und die Einweihung statt.
1910 war es auch im Chor so eng geworden, dass unbedingt etwas geschehen musste. Und immer noch war an keinen eigenen Kirchbau zu denken. So wurde als Notbehelf die Sakristei zum Presbyterium umgestaltet. Aber diese Erweiterungen stillten keineswegs den Wunsch aller nach einer neuen Kirche.
An Weihnachten 1910 gestattete das Passauer Ordinariat, an jedem Herz-Jesu-Freitag das Allerheiligste zur Anbetung aussetzen zu dürfen, was seither ununterbrochen bis heute geschehen ist.
Die Konzentration aller körperlichen und geistigen Kräfte beim Aufbau des Klosters forderte ihren Tribut in Form von Krankheiten verschiedenster Art. Besonders häufig wird von Lungenerkrankungen berichtet, die manche noch junge Mitschwester innerhalb weniger Wochen dahinraffte (bis zum Jahr 1915 waren es sechs), bei anderen zu längerem Siechtum führte. Obwohl St. Gertrud verhältnismäßig wenig unter den Drangsalen des 1. Weltkrieges zu leiden hatte, fielen doch indirekt auch viele Schatten dieser schrecklichen Zeit bis ins Rottal. Der Ökonomie-Baumeister wurde schon in den ersten Kriegstagen zum Heer eingezogen, und die beiden Pferde mussten kurz darauf an die Front abgegeben werden. Alle Konventmitglieder hatten nahe Verwandte unter den Soldaten, um die sie sich sorgten, für die sie engagiert nähten und strickten, ja, denen genauso wie allen anderen vom Krieg betroffenen Menschen und Völkern das inständige Gebet um den Frieden galt.
Das einschneidendste Ereignis des Jahres 1916 war für die Gemeinschaft von St. Gertrud zweifellos Mutter Bernardas Tod am Heiligen Abend. Schon 1914 war sie von einer Grippe-Epidemie am heftigsten betroffen gewesen, hatte sich aber nicht geschont, um anderen todkranken Mitschwestern beizustehen. Nach der ersten Weihnachtsvesper 1916 ging sie im Alter von 67 Jahren heim.
Bis zu ihrem Tod waren 74 junge Frauen in St. Gertrud eingetreten, von denen 25 schon vor der Einkleidung und 7 während des Noviziates wieder entlassen werden mussten. 42 legten ihre Profeß ab, so dass der Konvent an Weihnachten 1916 41 Mitglieder zählte.
Aus der Neuwahl ging am 6. Februar 1917 Frau Editha Gaßlhuber hervor; schweren, aber tapferen Herzens übernahm sie die Bürde. Sie wurde am Fest der heiligen Scholastika feierlich installiert und lenkte 25 Jahre lang die Geschicke des Hauses. Auch ihr blieb es nicht erspart, bauliche und wirtschaftliche Veränderungen vorzunehmen, als erste eine erneut überfällige Erweiterung des Chores. Im Süden wurde das ehemalige Konventzimmer in den Kapellenraum einbezogen.
Änderungen in den geistlichen Belangen brachte die Kirchenrechts- und Brevierreform noch im selben Jahr. Schon damals sollte durch die Streichung vieler Heiligenfeste die Liturgie im Verlauf des Kirchenjahres besser auf die heilsgeschichtlichen Ereignisse konzentriert und die Bedeutung des Sonntags stärker betont werden - Bestrebungen, denen sich auch das 2. Vatikanum noch einmal mit Nachdruck widmen musste. Weiter sollten die bischöflichen Visitationen nur noch alle fünf Jahre stattfinden, die Gelübde nach Ablauf des kanonischen Noviziates nur für drei Jahre gelten, danach erst sollten die ewigen Gelübde abgelegt und die Jungfrauenweihe erteilt werden. Letztere wurde den damals 12 Chorfrauen am 12. August 1919 gespendet.
Die galoppierende Inflation der Nachkriegsjahre belastete die 1918 zum ersten Mal ernannte Cellerarin mit drückenden Geldsorgen, die durch die Geldentwertung des Jahres 1923 ihren Höhepunkt erreichten. Alle Mitgiften, von deren Zinsen der Unterhalt des Hauses vorwiegend bestritten worden war, waren mit einem Schlag vernichtet, und es mussten schnellstens neue Erwerbsquellen geschaffen werden. So entstanden 1923/24 die Lebkuchenbäckerei, die Steppdeckennäherei und das Wachsatelier, dann Paramentenstickerei und Hostienbäckerei.
Die nun erreichbar scheinende wirtschaftliche Unabhängigkeit erlaubte die Erhebung von St. Gertrud zur Abtei am 19. Dezember 1924. Am 11. Februar 1925 fand die Wahl der ersten Äbtissin statt, die auf die bisherige Priorin M. Editha Gaßlhuber fiel. Die feierliche Äbtissinnenweihe nahm Bischof Sigismund Felix von Ow-Felldorf am 21. April 1925 im Beisein vieler Freunde und Gönner des Klosters vor. Auch Äbtissin M. Benedikta Fensel vom Mutterkloster Frauenwörth war gekommen und hatte als Festgeschenk den ersten Äbtissinnenstab für das Tochterkloster mitgebracht.
Im Juni 1925 wurde der 'Herz-Jesu-Hilfsverein' gegründet, ein bis heute bestehender Gebets- und Förderverein, an den sich Mitglieder und Freunde mit ihren Anliegen und Sorgen wenden, die die Gemeinschaft der Schwestern betend vor Gott trägt. Eine kleine Quartalsschrift, der sog. 'Gertrudisbote', unterstützt die Verbundenheit, und was dem Verein an Spenden zufließt, kommt uneingeschränkt der Gemeinschaft zugute.
Seit Jahren wünschten sich die Gemeinde und viele Tettenweiser Mütter einen Kinderhort, und traten mit diesem Anliegen an das Kloster heran. So ließ im Frühjahr 1927 Mutter Editha im Erdgeschoß des Schlosses Räume dafür herrichten, und am 5. Mai konnte der Kindergarten feierlich eröffnet werden. Sofort fanden sich 30 Kinder ein, die der Obhut von Frau M. Agatha Wittmann (+ 1963) und Schwester M. Ottilia Nachtmann (+ 1944) anvertraut wurden. Nach gründlichen Renovierung 1973/74 und 1996/97 bietet er heute, von einem engagierten Team von Mitarbeiterinnen geführt, ca. 50 Kindern in zwei Gruppen Platz.
Von weiteren, unaufschiebbaren Bauplänen ist erst 1934 wieder die Rede. Der ständig wachsende Konvent war wieder einmal in arge Wohnungsnot geraten. So wurde im Sommer 1935 parallel zum Pfortentrakt ein Anbau ans Konventzimmer errichtet und am 2. Oktober eingeweiht und damit den Bedürfnissen "für viele Jahre", wie man glaubte, Genüge getan.
In diesen Jahrzehnten berichtet die Chronistin nicht nur von mancherlei schweren Erkrankungen, von kleineren und größeren Unglücksfällen, sondern auch, dass Schwester M. Fidelis Wiesböck sich nach einer schweren Rückgratverletzung im April 1931, am letzten Tag der Novene zum heiligen Bruder Konrad von Parzham plötzlich auf wunderbare Weise geheilt fand.
Im September 1936 wurde nach dem Tod von Bischof Sigismund Felix der Abt von Scheyern, Dr. Simon Konrad Landersdorfer OSB, zum Bischof von Passau ernannt. Er war damals schon ein guter Freund von St. Gertrud und hat seine Geschicke bis zum Tod im Juli 1971 mit großem innerem Engagement und Wohlwollen begleitet und allen drei Äbtissinnen während seiner Amtszeit jederzeit großzügig und tatkräftig geholfen.
Im Januar 1937 überbrachte er die neuen, von Rom approbierten Konstitutionen, die bis zum Jahr 1987 in Geltung bleiben sollten.
Im Juni 1938 übersiedelten zwei Tettenweiser Chorfrauen, M. Rafaela Hoislmeier und M. Hiltrudis Wings, nach Kopenhagen, um dort an einer benediktinischen Neugründung mitzuwirken. Beide blieben, allen Erwartungen zum Trotz, dort, Frau Hiltrudis ging erst im August 1989, 88jährig hinüber in die Ewigkeit.
Der 2. Weltkrieg rückte bedrohlich näher. Zunächst gab es zwar nur Einquartierungen von heimatvertriebenen alten Leuten und erholungsbedürftigen Kindern. Aber mit jedem Jahr nahm die Unsicherheit über die Zukunft der Klöster zu. Die meisten von ihnen hatten schon vor Kriegsbeginn Repressalien zu erdulden.
Genau in dieser Zeit traf die Gemeinschaft der harte Schlag des unverhofften Todes von Mutter Editha. Nach einem erfolglosen Krankenhausaufenthalt kehrte sie am 5. Februar sterbend heim in ihr Kloster, wo sie schon nach wenigen Minuten ruhig in die Ewigkeit hinüberging. Sie stand im 68. Lebensjahr.
Die große Trauer ihrer über 70 Schwestern konnte sich vor Überraschung nur allmählich Bahn brechen, zu schnell und plötzlich war alles über sie gekommen. Mutter Editha besaß ein überaus liebenswürdiges, gütiges, zurückhaltendes Wesen; sie konnte niemandem wehtun und war stets bereit, zu helfen und Not zu lindern. Ihre ganz besondere Liebe gehörte den Kindern und Armen und allen, die ein hartes Schicksal hatten. Das Gotteslob war ihr erste und heiligste Aufgabe, und sie wurde nicht müde, den Schwestern die Tugend der Schweigsamkeit anzuempfehlen, ohne die kein monastisches Leben gedeihen kann.
Von den Gründerinnen war nun nur noch Schwester M. Lioba Schlieder übrig; sie starb 1953. Aus der Neuwahl ging am 1. März 1941 die bisherige Subpriorin und Magistra, M. Michaela Haberberger als zweite Äbtissin von St. Gertrud hervor. Sie empfing die feierliche Äbtissinnenweihe am 25. März d. J. und sollte der Gemeinschaft 26 Jahre lang vorstehen. Zunächst galt es noch, vier Kriegsjahre bis zum bitteren Ende durchzustehen, manchen Verlassenen, Hilflosen und Flüchtlingen eine Zuflucht zu bieten. Alle Männer standen als Soldaten im Krieg; die Schwestern allein besorgten die inzwischen reichlich ausgeweitete Landwirtschaft unter großen Mühen und Opfern. Postulantinnen durften nicht aufgenommen werden. Die Übernahme "kriegswichtiger Arbeit" für den Fliegerhorst Pocking bewahrte den Konvent vor dem Auseinandergerissenwerden. Nur Frau M. Elisabeth Strehle (+ 1985) musste für drei Jahre nach Tutzing, um im dortigen Lazarett bei der Pflege verwunderter Soldaten zu helfen. Im Februar 1944 erlagen innerhalb von 14 Tagen fünf Schwestern einer Grippe-Epidemie. Noch in letzter Stunde - am 25. April 1945 - versuchte die SS, das Kloster zu beschlagnahmen. Nur durch die standhafte Weigerung von Bürgermeister Frankenberger und das Eingreifen eines Stabsarztes, der hier ein Lazarett einrichten wollte und die Schwestern zur Pflege gebraucht hätte, wurde dieses Unheil abgewendet. So hat der Konvent dann von Herzen gern zeitweise über hundert Flüchtlinge aufgenommen. - Am 2. Mai kamen die Amerikaner, und damit war die Gefahr endgültig gebannt.
Sobald sich die politischen Verhältnisse einigermaßen geklärt hatten, wurden Pläne geschmiedet, um den Wohnraum für neu ankommende Postulantinnen zu schaffen und endlich den langgehegten Wunsch nach einer richtigen Kirche in die Tat umzusetzen. Mit zäher Ausdauer wurden behördliche Genehmigungen eingeholt, erste Baumaterialien erstanden und mit der Drainage des Bauplatzes begonnen. Am 22. April 1946 vollzog Mutter Michaela den ersten Spatenstich. Aber jede Fuhre Baumaterial musste gesondert erkämpft werden: Die Chronistin vermerkt freudig über die Jahre hin jede glücklich eingetroffene Sendung. So konnte am 5. August 1946 der Grundstein für die Kirche gelegt werden. Doch immer wieder traten Verzögerungen ein, weil Zement, Steine, Kalk, Sand oder Holz entweder gerade nicht zu haben waren oder wenn zu haben, dann nicht zu transportieren. Immer wieder mussten Baupläne geändert werden, die nach einem langen Weg durch verschiedene Behörden und Ministerien am 10. Dezember 1947 endlich eintrafen, gerade noch rechtzeitig zur Hebefeier am 13. Dezember. Am 26. April 1948 wurde mit dem Zwischenbau begonnen, der Pfortentrakt und Kirche verbinden sollte. Das Jahr 1949 sah die Ausführung der notwendigsten Innenarbeiten. Am 14./15. Oktober 1949 konnte, nach nur dreieinhalbjähriger Bauzeit, Bischof Simon Konrad mit großer geistlicher Assistenz die Kirchweihe vornehmen. Aber bis alles wirklich fertig eingerichtet war - Chor, Unterkirche, Verbindungsbau, Kirchturm -, sollte man das Jahr 1958 schreiben.
In der Zwischenzeit war der Konvent auf über 80 Mitglieder angewachsen, um zwei / drei Jahre später den bisherigen Höchststand von 89 zu erreichen.
Der große geistige Umbruch in Kirche und Welt kündigte sich an und stellte auch St. Gertrud vor bislang nicht gekannte Aufgaben. Im Jahr 1961 begannen Welt-Oblatinnen, sich der Gemeinschaft anzuschließen, um ihr Leben in Familie und Beruf im benediktinischen Geist führen zu können.
Aus dem Geist des 2. Vatikanums heraus strebten auch die Orden nach Erneuerung ihrer Liturgie und ihrer Gemeinschaftsstrukturen, woraufhin am 9. Januar 1966 auch in Tettenweis die bis dahin übliche Teilung in Chorfrauen, Laien- und Windenschwestern aufgehoben und alle zu einer Einheit von "Schwestern" zusammengeschlossen wurden. Bald danach erfolgte die schrittweise Umstellung des größten Teils des Offiziums auf Deutsch, um Gott wirklich mit 'einer Stimme' loben zu können.
Angeregt durch die Kurse "Kloster auf Zeit", die die Mitbrüder der Benediktinerabtei Niederaltaich für Männer anboten, wagte Mutter Michaela im Juli 1965 den Versuch, Vergleichbares für Frauen in St. Gertrud durchzuführen, und nannte diese 10 bis 14tägigen Einkehrkurse "Kurze Rast". Sie erfreuten sich gleich so regen Zuspruchs, dass sie zunächst sechs mal jährlich angeboten wurden, später dann drei mal im Jahr. Das Angebot wurde erweitert um Meditationskurse und Einkehrwochenenden, sowie Einkehrtagen für Frauenbünde, Seniorenclubs und Jugendliche nach Vereinbarung. Der Sinn dieses Engagements sollte sein, Menschen, die sich eine zeitlang der Hektik und Unrast unserer Leistungs- und Konsumgesellschaft entziehen wollen, einen Freiraum zur Verfügung zu stellen, in dem sie wieder zu sich finden, die Gemeinschaft Gleichgesinnter erleben und ihre Beziehung zu Gott erneuern und vertiefen können.
Am Palmsonntag, 20. März 1967, erkrankte Mutter Michaela schwer an Grippe, der sie am 29. März erlag. Sie stand im 83. Lebensjahr. 26 Jahre lang hatte sie die Gemeinschaft sicher und zielstrebig geleitet. In diesen Jahren nahm sie die Gelübde von 46 Schwestern entgegen. All ihr Denken war geformt durch die heilige Liturgie. In der Karwoche ging sie mit unserem Herrn dem Sterben entgegen, in der Osterwoche wurde ihr statt eines Requiems ein Alleluja-Amt gesungen.
Am 29. April 1967 wurde Schwester M. Emmanuela Aichinger zur dritten Äbtissin gewählt und am 21. Mai von Bischof Simon Konrad Landersdorfer feierlich geweiht. Ihr oblag es, alle noch vorhandenen baulichen und wirtschaftlichen Lücken zu schließen und die Gemeinschaft mit fester Hand durch die turbulenten Jahre nach dem Konzil zu führen. Obwohl wirtschaftlich alle Weichen auf Verbesserung und Zuwachs gestellt waren, zeigten sich doch (oder gerade deshalb?) in den 70er und frühen 80er Jahren die Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels darin, dass immer weniger junge Frauen den Weg ins Kloster fanden und auch sie ihn nicht alle zu ihrem Weg auf Lebenszeit machen konnten.
Manches über viele Jahrzehnte hin Gewachsene und Liebgewordene galt es, unter diesem Druck zu verändern und zu rationalisieren und dabei doch das Ziel immer im Auge zu behalten.
Als erstes bedurfte die Küche einer grundlegenden Renovierung, die sie im Herbst 1967 erhielt. Dann wurde 1968 das sogenannte Feichtnerhaus (Klosterstrasse 7) mit dazugehörigem Grund erworben und als Mietwohnhaus hergerichtet, und in der Landwirtschaft wurde ein neuer Rinderstall gebaut; doch schon 1977 musste die Rinderzucht aufgegeben und der Betrieb auf Schweinemast umgestellt werden.
Weil immer noch viele Schwestern und vor allem auch die Kranken in den winzigen, engen Räumen des alten Jonerschen Nebengebäudes untergebracht waren, wurde 1971 noch einmal ein Neubau in Angriff genommen und so das Quadrum des Klosters zur Kirche hin geschlossen. Der Bau erhielt den Namen "St. Scholastika". In ihm sind im Kellergeschoss verschiedene Vorratsräume von Küche und Gärtnerei untergebracht; vier Stockwerke beherbergen neben der Infirmerie (Krankenabteilung) ca. 25 Zellen und unter dem Dach weite, lichte Räume für die Paramentenstickerei. Die Einweihung wurde am Gertrudistag 1971 festlich begangen.
1972 entschloss sich Mutter Emmanuela zur gründlichen Sanierung der älteren Klostergebäude und 1975 zur Außenrenovierung derselben, die seither in einem warmen Rot-Ton schon von weitem das Auge des Betrachters auf sich ziehen.
Jedes weitere Jahre erforderte weitere Renovierungsarbeiten - im Gästehaus, in der Landwirtschaft - und stellte die Cellerarin Sr. M. Fortunata Lindner (+ 1997) immer wieder vor große finanzielle Probleme.
1980 musste das alte Jonersche Nebengebäude wegen Baufälligkeit abgerissen werden. An seiner Stelle entstand der Neubau, der den Namen "St. Benedikt" erhielt, und sich optisch sehr gut in die Kloster-Forderfront einfügt. Er beherbergt im Erdgeschoß die Steppdeckennäherei und den Klosterladen, im 1. Stock die Feinbäckerei sowie einen Saal für größere Veranstaltungen / für Gruppen und im 2. Stock Appartements und einige Zimmer. Er wurde am Gertrudisfest 1981 eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben.
1985 wurde das alte Schreinerei-Gebäude durch ein neues, größeres ersetzt.
Im Jahr 1987 kam endlich auch noch ein Plan zur Ausführung, der seinerzeit schon die Gründerinnen bewegt hatte: Der Anschluss an bzw. Zusammenschluss mit anderen Klöstern. Seit Mutter Bernarda Amtmann zur Vorbereitung der Neugründung im Jahr 1899 in Prag-Smichov, das zum architektonischen Vorbild unseres Altbaus wurde, die Beuroner Lebensweise eingehend studiert hatte, schwebte ihr der Anschluss von St. Gertrud an die Beuroner Kongregation vor. Zustande kam er nicht, dafür aber schon in den ersten Jahren eine Gebetsverbrüderung mit den meisten bayerischen Benediktinerklöstern sowie den Frauenabteien Frauenwörth im Chiemsee und Nonnberg in Salzburg; engere Verbindungen wurden nicht eingegangen.
1966 forderte die Religiosenkongregation in Rom alle Klöster auf, zu prüfen, ob und mit welchen Klöstern sie sich zusammenschließen könnten. Wieder wurde ein Anschluss an Beuron bzw. an die österreichischen Abteien erwogen. Aber erst Mitte der 80er Jahre, als auch die Erneuerung der Konstitutionen von 1937 überfällig geworden war, wurde ein Zusammenschluss allein der bayerischen Benediktinerinnen-Abteien errichtet, der neben St. Gertrud die Abteien Frauenwörth, St. Walburg in Eichstätt, Maria Frieden in Kirchschletten und St. Walburg in Boulder (heute Virginia Dale), Colorado, U.S.A. (eine Tochtergründung von St. Walburg in Eichstätt) angehören. Die gemeinsamen Konstitutionen der Föderation, die unter den Schutz der Gottesmutter gestellt wurde, traten am 11. Juli 1987 in Kraft.
Nachdem im Mai 1992 noch Mutter Emmanuelas silbernes Äbtissinnenjubiläum gefeiert werden konnte, legte sie ihr Amt am 18. November aus Altersgründen nieder. Aus der Neuwahl am 19. November ging Sr. M. Bernarda Schmidt als vierte Äbtissin von St. Gertrud hervor. Am 13. Dezember spendete ihr Bischof Franz Xaver Eder feierlich die Weihe. Ihr Wahlspruch "In der Freude und in der Kraft des Heiligen Geistes" kennzeichnet sie nicht nur als eine besondere Verehrerin der dritten Göttlichen Person, sondern deutet auch an, wie sie den auf sie zukommenden Herausforderungen begegnen wollte. Angesichts zunehmender Überalterung stellte sich die Frage, von welchen Aufgaben man sich in Zukunft würde trennen müssen und welche nach Möglichkeit beibehalten werden sollten. So fiel 1993 die schwere Entscheidung, das alte Gästehaus (das umgebaute und aufgestockte ehemalige Beichtvaterhaus), das wegen Nässe im Mauerwerk, heutigen Ansprüchen nicht mehr genügenden Sanitäreinrichtungen und fast nicht vorhandenen Gemeinschaftsräumen, durch einen Neubau an der selben Stelle zu ersetzen. Im Oktober '93 begann der Abriss, im Frühjahr 1995 konnte die Einweihung erfolgen. So stehen heute den Gästen im 'Haus Maria Rast' 25 Zimmer zur Verfügung, ein Vortragssaal, eine Teeküche und ein Fernsehraum und unter dem Dach ein Meditationsraum. Das eigene Kursangebot wurde aus personellen Gründen eingeschränkt, geschlossene Gruppen mit eigenem Referenten kommen aber ebenso gern wie Einzelgäste, die einfach die Erholung im Schatten des Klosters suchen.
Während in Mutter Emmanuelas Amtszeit hauptsächlich Spirituale aus der Missions-Benediktiner-Abtei Schweiklberg und dann dankenswerter Weise sechs Jahre lang Diözesanpriester zur Verfügung standen, ist es seit Advent 1996 Pater Augustinus Weber OSB aus der Abtei Niederaltaich, der sich ganz bewusst als Mönch und Priester für das Kloster und seine Gäste engagiert.
Das Jahr 1999 ist zum Jahr des dreifachen Jubiläums geworden: Am 15. Oktober feierte die Klostergemeinschaft mit Bischof Franz Xaver Eder, dem jetzigen Passauer Altbischof, und der Gemeinde Tettenweis den 50. Jahrestag der Abtei-Kirchweihe, am 19. Oktober jährte sich der Gründungstag des Klosters zum 100. mal, was mit vielen Ordensleuten gefeiert wurde, bis am 19. Dezember schließlich der 75. Jahrestag der Erhebung zur Abtei den Festreigen schloß.
Im selben Jahr wurde die Hostienbäckerei eingestellt und eine Nudelproduktion begonnen, für die rasch ein großer Kundenkreis zu gewinnen war. Im März fiel der Entschluss, die Schweinemast aufzugeben und im Oktober dann auch die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche zu verpachten. Es wurde sehr deutlich, dass - wenn es die äußeren Umstände erfordern - wohl alles äußere Tun und Wirken kommen und gehen und sich wandeln kann, das Wesen benediktinischen Lebens aber auf einer anderen Ebene liegt: Im Dasein vor und für Gott, im Dienst an Seinem Reich, unabhängig von Größe und Wirtschaftskraft der Gemeinschaft. Seit April 2002 steht niemand mehr für den Klosterladen zur Verfügung, und nach dem Heimgang von Sr. M. Raphaela Fritz im Juli desselben Jahres ist auch die Buchbinderei verwaist. Der Personalstand der Gemeinschaft ist im Jahr 2004 wieder bei dem von 1906 angelangt. Der Blick zurück zeigt uns, dass es heute keine andere Antwort auf die Herausforderungen, vor die Überalterung und ausbleibender Nachwuchs uns stellen, geben kann als gestern: Die entschiedene Nachfolge Christi.